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Eidgenössisches Departement für Verteidigung,
Bevölkerungsschutz und Sport

Bürger oder Biedermann

31.07.2011
(Einige staatspolitische Betrachtungen anlässlich der Bundesfeier und ein kurzer, persönlicher Beitrag zum Max-Frisch-Jahr 2011) Referat von Bundesrat Ueli Maurer, Chef des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS, gehalten an der Bundesfeier 2011 in Wildhaus, Rorschach, Bauma, Niederglatt und Bubikon

Es gilt das gesprochene Wort!

Aussicht auf den Inhalt:

Der erste Teil der Ansprache erinnert an Max Frisch, der vor hundert Jahren geboren wurde. Mit seiner Fähigkeit, hinter heuchlerischen Fassaden Untätigkeit, Verantwortungslosigkeit und Mutlosigkeit zu erkennen, hat er zeitlose Texte geschaffen, wie beispielsweise „Biedermann und die Brandstifter".

Der zweite, staatspolitische Teil handelt von den bewährten Bürger-Eigenschaften. Dazu gehört ein Bewusstsein für Risiken, der Mut, so lange „Nein" sagen zu können, bis man die bestmögliche Lösung gefunden hat und die Bereitschaft, für die Ordnung im Land die Verantwortung zu tragen. 



Liebe Mitbürgerinnen,
liebe Mitbürger,

Dieses Jahr hat meine Ansprache zur Bundesfeier zwei Teile. Denn ich möchte heute an zwei verschiedene Ereignisse erinnern:

1291, vor 720 Jahren, wurde unsere Eidgenossenschaft gegründet. Dazu möchte ich einige staatspolitische Gedanken äussern.

1911, vor hundert Jahren, wurde ein berühmter Schweizer Schriftsteller geboren: Max Frisch. Auch darauf möchte ich kurz eingehen.

Erster Teil: Biedermann und die Brandstifter
Ich beginne mit dem Gedenken an den Autor: 2011 ist ein Max-Frisch-Jahr. Da gab es zum frühen Auftakt schon letztes Jahr eine Erst-Veröffentlichung neu entdeckter Tagebücher, zwei neue Biographien sind erschienen, es gibt Lesungen, Aufführungen, Zeitungsbeiträge, eine Sondermarke der Post und eine Gedenkmünze von Swissmint.

Dass auch ich jetzt noch an Max Frisch erinnere, erstaunt Sie möglicherweise. Ich tue das denn auch nicht aus literaturhistorischer Warte, sondern schlicht und einfach als einer, der gerne liest. Die politischen Aussagen des älteren Frisch teile ich nicht, sein Gesamtwerk aber beeindruckt mich, und viele seiner Texte haben mich immer wieder gepackt und fasziniert.

Zur Erinnerung an Max Frisch gebe ich mit einer kurzen Nacherzählung eine Kostprobe seines Könnens. Vielleicht kennen Sie das Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter". Meiner Meinung nach ist es eines seiner besten Werke, das an Treffsicherheit kaum mehr zu überbieten ist. Was uns vordergründig vielleicht etwas absurd dünkt, ist so meisterhaft aus dem Leben gegriffen, dass ich in unzähligen, ganz verschiedenen Situationen regelmässig an dieses Stück denken muss.

Die Hauptfigur gibt dem Stück den Namen: Gottlieb Biedermann. Ganz offensichtlich hat er es zu etwas gebracht, dieser Gottlieb Biedermann. Mit Frau und Dienstmädchen bewohnt er ein schönes Haus. Er ist wer. Und er hält sich für einen, der sich notfalls durchsetzen kann. Sein Umfeld lässt er das bisweilen spüren. Frau und Dienstmädchen gegenüber tritt er bestimmt auf, oft etwas obrigkeitlich.

Biedermann sitzt in seiner behaglichen Stube, geniesst den Feierabend, lässt es sich gut gehen bei einer Zigarre. Er liest die Zeitung und ärgert sich, dass da schon wieder eine Brandstiftung gemeldet wird. Denn schon seit Tagen treiben Brandstifter ihr Unwesen, ohne dass die Polizei bislang etwas dagegen hätte tun können.

Und wie Biedermann da in seiner guten Stube sitzt, da tritt ganz unerwartet ein Fremder ein. Irgendwie hat er sich am Dienstmädchen vorbeischwatzen können und steht plötzlich da. Schmitz nennt er sich, er sei Hausierer, sagt er zuerst. Dann, er sei obdachloser Ringer, früher beim Zirkus gewesen und zuletzt im Gefängnis.

Schmitz ist eine dubiose Figur, das ist klar; das sieht jeder sofort. Aber was auch jeder sehen kann: Der Ringer ist ein Kraftprotz. Mit dem möchte man sich nicht anlegen. Und Schmitz ist schlau. Er zieht alle Register: Unterschwellig droht er. Und gleichzeitig appelliert er an Mitleid und zwischenmenschliche Solidarität.

Der Fremde erzählt Biedermann, wie man ihn schon habe auf die Strasse stellen wollen: „Da packt so ein Herr, der noch nie gerungen hat, unsereinen am Kragen - Wieso? frage ich und dreh mich bloss um, um ihn anzublicken, schon hat er die Schulter gebrochen."

Andererseits säuselt er, er sei nur gekommen, weil es draussen regne und es hier wärmer sei; er hoffe, dass er auch ja nicht störe.

Geschickt spricht er Biedermann darauf an, was dieser insgeheim denkt und befürchtet: Dieser Dahergelaufene mit Schlägerpostur ist einer dieser gefährlichen Brandstifter, von denen überall gewarnt wird. Aber so offen mit seinem Verdacht konfrontiert, sagt Biedermann das Gegenteil dessen, was er wirklich denkt: Nein, nein, für ganz harmlos halte er ihn und für ganz ungefährlich.

Schmitz fordert Menschlichkeit, wie er sagt. Biedermann nickt, bestätigt, stimmt zu. Er will doch nicht als Unmensch gelten.

Aber Menschlichkeit heisst für Schmitz auch: Er will gute Verpflegung, Wein und Zigarre. Und er will auch Unterkunft. Nur auf dem Dachboden, das würde ihm genügen, das sei er sich gewohnt, als Kind habe er nie ein Bett gehabt ... Da kann man doch nicht nein sagen, man ist ja kein Unmensch.

Bald sitzt der Schmitz mit dem Biedermann am Tisch. Dienstmädchen Anna muss eine reichhaltige kalte Platte auftragen, sie rauchen und trinken Rotwein. Schmitz fühlt sich sofort ganz zu Hause, und selbstsicher bestellt er nach, wozu er gerade Lust hat. Wurst, noch etwas Senf, und der Beaujolais ist ihm noch etwas zu kalt ...

So richtet sich also ein fremder Unbekannter im wohnlichen Heim von Biedermann ein. Das Unbehagen ist gross, Frau und Dienstmädchen haben Angst. Biedermann rechtfertigt sich, er sei doch nicht altmodisch, den andern etwas voraus, er sei halt edler, humaner, moderner. Er lacht über seine vorsichtigen und misstrauischen Kollegen: „An meinem Stammtisch zum Beispiel, die sehen schon Sodom und Gomorra, wenn man nur sagt, man glaube an das Gute in den Menschen."

Schmitz macht sich im Haus von Biedermann behaglich breit. Und er bleibt nicht alleine. Bald kommt ein Freund von Schmitz, der ehemalige Kellner Willi, der ebenfalls in den Dachboden zieht.

Bald darauf rumpelt und rollt es auf dem Estrich. Und als Biedermann nachsieht, stapeln seine beiden „Gäste" Fässer - Benzinfässer.

Da „lupft es dem Biedermann den Deckel", wie man so sagt. Jetzt reicht es, jetzt ist genug, jetzt will er die beiden rausschmeissen. Für kurze Zeit ist er so energisch, wie er sich selbst gerne sieht. Aber eben, nur für kurze Zeit. Bald erlahmt sein Wille. Er redet sich selbst ein, die beiden könnten ja unmöglich gefährlich sein, sonst würden sie nicht so offen handeln. Das alles sei nicht ernst gemeint. Und überhaupt, man müsse doch an das Gute im Menschen glauben. Das endet damit, dass er mithilft, eine Zündschnur abzumessen.

Insgeheim ist ihm natürlich alles andere als wohl. In der Nacht steht er immer wieder auf, um zu horchen, ob etwas passiert. Und weil er es nicht fertigbringt, die beiden loszuwerden, will er ihre Freundschaft gewinnen. Darum lädt er sie zum Essen ein. Zu einem richtigen Festessen, zu einer gestopften Gans mit teurem Burgunder.

Man isst, trinkt und lacht; Biedermann spielt Normalität und Heiterkeit. Da bitten ihn die beiden frech um Zündhölzli. Eigentlich ist allen alles nur allzu klar: Die Eindringlinge, die Benzinfässer auf seinem Estrich lagern, die Zündschnur abmessen, die sich Holzwolle und Putzfäden besorgen, die planen ein Verbrechen.

Aber Biedermann hat schon zu lange gute Miene zum bösen Spiel gemacht; so lange seine verantwortungslose Untätigkeit gerechtfertigt, dass er befürchtet, mit einem Meinungswechsel das Gesicht zu verlieren. Er glaubt, er könne nicht mehr zurück. Natürlich, es wäre immer noch viel besser, spät nein zu sagen als gar nie. Aber dazu fehlen ihm Kraft und Mut; seine Frau, die ihn hindern will, lacht er aus. So tut er auch noch den letzten verhängnisvollen Schritt - und er gibt den beiden Brandstiftern die Zündhölzli.

Über diesen Biedermann kann man nur den Kopf schütteln. Man ärgert sich, wie einer die Gefahren zwar sieht, aber nichts dagegen unternimmt. Wie er seine feige Untätigkeit hinter einer geheuchelten Fassade aus Humanität und Solidarität verbirgt. Wie er die Warnungen und Ängste von Frau und Dienstmädchen ignoriert, diesen gegenüber seine angeblich noble Menschlichkeit hervorstreicht, seine Kritiker damit in die Ecke der Unmenschen stellt und so mundtot macht.

Und das alles, obschon Biedermann eigentlich genau weiss, auf was er sich einlässt. Besonders schwer wiegt, dass er damit nicht nur sich ins Verderben stürzt, sondern auch seine Mitbürger - denn am Schluss brennt der ganze Stadtteil. Biedermann nimmt die Verantwortung nicht wahr und wird durch sein Gewährenlassen zum Komplizen: Ohne Biedermann wäre das Verbrechen nicht möglich gewesen. 

Die Brandstifter sind nicht nur Theater, Biedermann ist nicht nur eine Bühnenfigur. Max Frisch hat sich immer wieder damit beschäftigt, wie viel Biedermann in jedem von uns ist. Jahre bevor er das Theaterstück geschrieben hat, notierte er sich eine Kurzgeschichte mit ähnlicher Handlung in sein Tagebuch. Er schrieb sie auf wie das Protokoll eines Selbstgesprächs, er schildert das schrittchenweise Nachgeben, wie er zuerst den kleinen Finger gibt, wie die andern dann die ganze Hand nehmen und er schliesslich um Kopf und Kragen kommt: „ ... und am andern Morgen, siehe da, bist du verkohlt und kannst dich nicht einmal über deine Geschichte wundern ..."[1] Damit spricht uns Frisch alle an!

Zweiter Teil: Gedanken zum 1. August
So viel zu Max Frisch. Nun komme ich zu meinem zweiten Teil der Ansprache. Zu einigen staatspolitischen Gedanken.

Unser Land feiert heute seinen 720. Geburtstag. 720 Jahre - das ist eine lange Zeit. Und doch ist das Land keineswegs in die Jahre gekommen. Gerade die schweren Verwerfungen an den internationalen Finanzmärkten haben wieder gezeigt, wie gut positioniert unser Land insgesamt ist.

Das ist Ihre Leistung. Das ist Ihr Verdienst. In unserem Land ist alles den sogenannt „gewöhnlichen Leuten" zu verdanken; denn in unserem Land ist das Volk die Elite und der Bürger Souverän.

Unser wirtschaftlicher Erfolg kommt nicht von reichen Ressourcen oder glücklichen Zufällen. Er kommt von der grossen Mehrheit der Leute in diesem Land, die jeden Morgen aufstehen und in ihrem Beruf besser, länger, exakter arbeiten als andere sonst wo auf der Welt; von den Leuten, die jeden Tag Schweizer Qualität liefern, von den besten und gesundesten Nahrungsmitteln bis zur innovativsten Spitzentechnologie.

Dass es uns so gut geht, dass wir eine so hohe Lebensqualität haben, dass wir in einer freiheitlichen Rechtsordnung leben, dass die Steuern noch nicht so hoch sind wie im Ausland, dass die Verwaltung immer noch schlanker ist als in andern Staaten, dass die Infrastruktur besser funktioniert und so weiter, und so fort - Auch das ist alles Ihr Verdienst. Denn als Staatsbürger sind Sie die oberste Instanz in unserem Land, mit Stimm- und Wahlzettel legen Sie die Ordnung fest und korrigieren Fehlentwicklungen.

Damit stehen wir alle aber auch als Bürger in der Pflicht: Jede Generation steht vor neuen Herausforderungen, vor neuen Chancen und Möglichkeiten, aber auch vor neuen Risiken und Bedrohungen.

Das bedeutet eine dauernde, grosse Verantwortung. Unser Wohlstand, unsere Freiheit, unsere Sicherheit, unsere Unabhängigkeit: Dafür ist niemand anders verantwortlich als wir Bürger. Dass das in den letzten 720 Jahren durch alle Wechselfälle der Geschichte so gut gegangen ist, ist den Leuten zu verdanken, die sich mit den typischen Bürger-Eigenschaften für unser Land einsetzen:

  • Als Bürger braucht man ein Bewusstsein für Risiken und Gefahren. Man darf nicht allein nur an das Gute glauben und auf das Beste hoffen. Es kann gefährlich sein, Untätigkeit hinter einer Fassade aus schönen Worten zu verstecken. Als Bürger muss man Verantwortung wahrnehmen, indem man Unerfreuliches oder gar Bedrohliches offen anspricht und darauf reagiert.
  • Als Bürger muss man einfach auch einmal „Nein" sagen können, um später bessere Lösungen zu erzielen. Das ist nicht immer einfach, das braucht Mut. Oft gehen die andern ja geschickt vor, Drohungen werden mit einem Appell an Solidarität kombiniert. Und je länger man es verpasst, „Nein" zu sagen, desto schwieriger wird es.
  • Als Bürger übernimmt man Verantwortung für die Ordnung im Land. Dazu braucht es klare Regeln. Es liegt an uns Bürgern, ob wir Herr im eigenen Haus bleiben und hier auch unsere Hausordnung durchsetzen wollen.

Gefahren sehen und handeln
Sehen wir uns den Umgang mit Risiken und Gefahren etwas genauer an: „Gouverner c'est prévoir", sagt man. Also: Regieren heisst vorausschauen. Und weil bei uns in der Schweiz wir Bürger regieren, gilt das für uns alle: Wir alle müssen vorausschauen. Gewiss, mit viel Zuversicht und Optimismus. Aber auch mit einem kritischen Auge für Risiken.

Als Gesellschaft und als Bürger dürfen wir uns nicht darauf verlassen, dass am Schluss alles immer irgendwie gut herauskommt. Nur auf das Gute im Menschen vertrauen, das reicht nicht. Wir müssen aktiv für unsere Sicherheit sorgen und uns darum auch mit der Unsicherheit beschäftigen. So stellen sich uns beispielsweise Fragen der Versorgungssicherheit.

Die Nachfrage nach Ressourcen steigt weltweit. Denn die Weltbevölkerung nimmt sehr schnell zu. Bevölkerungsstatistiker rechnen mit einem jährlichen Wachstum von um die 80 Millionen Menschen. Jetzt leben bereits gegen 7 Milliarden Menschen auf der Erde. Gemäss UNO-Prognose werden es in den nächsten 10 bis 13 Jahren 8 Milliarden sein - Tausend Millionen Menschen mehr, die auch jeden Tag essen und trinken müssen, die Kleidung und ein Dach über dem Kopf brauchen - und die alles daran setzen werden, auch irgendwie zu einigen der heiss begehrten modernen Konsumgütern zu kommen. Nebst dem Bevölkerungswachstum wirkt sich der wachsende Wohlstand auf die Nachfrage aus: Mehr Leute können sich mehr leisten.

Das heisst, dass durch den steigenden Verbrauch immer mehr Güter knapp werden. Was knapp ist, ist teuer. Und was teuer ist, gibt schnell auch Anlass zu Konflikten.

Bisher sind wir von der bequemen Annahme ausgegangen, dass wir uns auf dem globalen Markt stets nach Belieben versorgen können. Dass uns für Nahrungsmittel, für Energie oder für Rohstoffe ein üppiges weltweites Angebot zur Verfügung stehe. So, wie wenn man mit dem Einkaufswagen an den prallgefüllten Regalen eines Einkaufszentrums vorbeigeht: Es hat einfach immer genug von allem. Und das erst noch zu erschwinglichen Preisen.

Diese Einstellung prägt unsere Haltung zur heimischen Landwirtschaft: Es gilt dann schnell einmal als teurer Luxus, wenn wir unter topographisch schwierigen Bedingungen Nahrungsmittel produzieren, wo doch die Nahrungsmittelgrossindustrie im Ausland so viel effizienter ist.

Eine ähnliche Haltung bestimmt unsere Energiepolitik. Auch da glaubt man, Strom beispielsweise komme einfach aus der Steckdose. Und wenn nötig, könne man ihn problemlos im Ausland beziehen.

Solange der globale Markt spielt, kommen wir damit durch. Aber auf der Welt gibt es nicht nur die Gesetze des Marktes, sondern auch die Gesetze der Macht. Ein Angebot kann an Bedingungen geknüpft werden. Dadurch entsteht die Gefahr der Erpressbarkeit.

Ich meine, ein verantwortliches Handeln gebietet, die eigene Produktion zu stärken: Sei das nun in der Landwirtschaft oder in der Energieproduktion. Weder Globalisierung noch Nachhaltigkeit dürfen uns in die Abhängigkeit führen.

Nein sagen können
Die zweite wichtige Bürger-Eigenschaft ist das Nein-Sagen. Wir Schweizer sind gutmütig und hilfsbereit; nett, freundlich und friedlich. Das führt dazu, dass wir oft Mühe haben, „Nein" oder „Halt" zu sagen. Wir wollen niemanden vor den Kopf stossen.

Aber wer nicht nein sagen kann, der kann seine eigenen Interessen nicht vertreten. Denn ein „Nein" ist ja nicht das schroffe Ende eines Dialogs, sondern hilft, eine andere, bessere Lösung zu suchen. Wer die beste Lösung anstrebt, muss zu allen weniger guten nein sagen können. 

Das zeugt von Seriosität in der Verhandlungsführung und verschafft Respekt. Gerade in schwierigen und harten internationalen Verhandlungen. Die Gegenseite hat klare Vorstellungen, was sie will. Wenn man unbedacht den kleinen Finger gibt, nimmt sie gleich die ganze Hand. Und natürlich zieht sie alle Register: Mal werden wir mit Drohungen eingeschüchtert, mal hören wir „Trittbrettfahrer" oder „Rosinenpicker" und haben ein schlechtes Gewissen. 

Aber Nachgeben ist nie ein Befreiungsschlag; Nachgeben provoziert nur immer wieder neue, noch weitergehende Forderungen. Auch wer den gedeckten Tisch bereitstellt und festlich auftragen lässt, kann den Hunger der Gegenseite nicht stillen.

Die EU beispielsweise versteht das meisterhaft. Mal lässt sie die Muskeln spielen und droht, mal lockt sie uns mit einem Appell an unsere Solidarität. Zur Zeit hören wir von der Forderung nach einer institutionellen Anbindung. Das heisst, wir sollten uns vertraglich verpflichten, nicht nur bestehendes, sondern auch künftiges EU-Recht zu übernehmen. Mit andern Worten: Wir sollen einen Vertrag unterschreiben, dessen Inhalt von der Gegenseite beliebig geändert und erweitert werden kann. Man nennt so etwas auch Blanko-Unterschrift.

Wir müssen uns gut überlegen, wie weit wir uns in internationale Konstrukte einbinden lassen: In gewissen Bereichen haben wir bilateral gute Lösungen gefunden, in andern Fragen haben wir durch Abkommen bereits jetzt schon viel Handlungsfreiheit verloren.

Wir sollten uns bei jeder Forderung, bei jeder neuen Verhandlung bewusst sein, dass wir nie zu einem Ja verpflichtet sind, nur weil wir bisher so oft ja gesagt haben.

Ich habe manchmal den Eindruck, es ist vielen nicht mehr so ganz wohl bei der Sache, aber man kann das nicht offen eingestehen, weil man schon so weit gegangen ist. Irgendwie hat man das Gefühl, man könne nicht mehr zurück, weil man sonst das Gesicht verliere. Und so macht man weiterhin gute Miene zum bösen Spiel. Man rechtfertig sich dann, man sei doch nicht altmodisch, den andern etwas voraus, sei halt edler, humaner oder moderner. Und man lacht über die kritischen Kollegen am Stammtisch.

Ich meine es wäre ein Akt der Ehrlichkeit, wenn wir uns eingestünden, dass wir in gewissen Fällen gegenüber Forderungen aus dem Ausland zu defensiv auftreten und in gewissen Bereichen mit Zugeständnissen sehr weit gegangen sind. Unter gewissen Umständen kann es besser sein, spät nein zu sagen als gar nie.

Verantwortung für die Ordnung im Land übernehmen
Die dritte Bürger-Eigenschaft ist, Verantwortung für die Ordnung im Land zu übernehmen. Das bedeutet, dass wir klare Regeln aufstellen und diese auch durchsetzen. Das gilt ganz besonders für die Innere Sicherheit. Oft läuft da die Diskussion in falschen Schienen: Es gibt die vorgefasste Meinung, dass Gewährenlassen menschlich und Nein-sagen unmenschlich sei. Wer eine härtere Gangart gegenüber Kriminellen, insbesondere kriminellen Ausländern fordert, findet sich bald in die Ecke der Unmenschen gestellt.

Ich bin der Meinung, der Vorwurf der Unmenschlichkeit werde häufig einfach dann erhoben, wenn der Mut und der Wille fehlen, Fehlentwicklungen zu stoppen und Missstände anzupacken. So aber wendet sich die vorgeschützte Menschlichkeit in ihr Gegenteil: Wer Verbrecher gewähren lässt, macht sich mit seiner Untätigkeit zu deren indirekten Komplizen.

Statt Ausreden und Rechtfertigungen empfiehlt sich dagegen der gesunde Menschenverstand: Man lässt nur willkommene, vertrauenswürdige Gäste ins Haus. Und wer sich hier nicht anständig aufführt, wird wieder vor die Türe gestellt.

Mich macht das immer stutzig, wenn ein politisches Problem hinter einer Fassade moralisierender Argumente versteckt werden soll. Heikle Themen zu tabuisieren, hilft uns nie weiter. Beispielsweise in der Zuwanderungsproblematik besteht diese Tendenz: Schnell heisst es, man sei ein Unmensch. Und damit ist jede kritische Debatte verhindert.

Dabei bestätigen die vielen Gespräche, die ich im ganzen Land mit Bürgerinnen und Bürgern führe, was auch Umfragen immer wieder anzeigen: Die Folgen der unkontrollierten Zuwanderung beschäftigen und beunruhigen die Leute stark. Die Politik darf vor solchen Sorgen der Bevölkerung nicht einfach die Augen verschliessen; in einer Demokratie ist es die Aufgabe der Politik, auf die Anliegen der Bürger einzugehen.

Es ist wichtig, auch über die negativen Folgen der unkontrollierten Einwanderung offen diskutieren zu können: Über Löhne, die unter Druck geraten; über Bodenpreise und Mieten, die steigen; über Strasse und Bahn, die an ihre Kapazitätsgrenze gelangen; über die Situation an den Schulen, wo sich Eltern Sorgen machen, ob die Kinder bei so vielen Sprachen die eigene noch richtig erlernen.

Irgendwie haben doch viele ein mulmiges Gefühl. Die Frage ist aber, ob es beim verdeckten und versteckten Unbehagen bleibt. Oder ob man doch noch den Mut für eine offene Diskussion aufbringt.

Sie sehen, ich betrachte gewisse Entwicklungen in unserem Land mit Sorge. Trotzdem aber bin ich zuversichtlich, dass wir als kleines Land eine grosse Zukunft haben. Denn das Grossartige an der Schweiz ist ja, dass wir in unserer direkten Demokratie die Gelegenheit haben, die Geschicke des Landes selbst in die Hände zu nehmen. Im Gegensatz zu andern Ländern haben wir Bürger in der Schweiz dank der direkten Demokratie die Möglichkeit, Fehlentwicklungen zu stoppen.

Wir müssen es nur tun, wir müssen nur ab und zu den Mut aufbringen, auch einmal „Halt!" zu sagen - Ich wünsche Ihnen eine schöne Augustfeier! Und unserer Schweiz wünsche ich mutige Bürger!




[1] „Burleske" in: Max Frisch, Tagebuch 1946 - 1949, Frankfurt a.M., 1950/1958, S. 243 - 249

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Zuletzt aktualisiert am: 07.06.2010

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