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Eidgenössisches Departement für Verteidigung,
Bevölkerungsschutz und Sport

«Schaut die Zeitungen nicht an, werft sie weg!»

07.03.2011 | Klartext

Bundesrat Ueli Maurer interessiert es nicht besonders, wie er in den Medien dargestellt wird. Dennoch bemüht er sich um einen offenen und persönlichen Umgang mit den JournalistInnen. Lian Voggel und Sebastian Schneider führten das Gespräch im Rahmen der Werkstatt Storytelling von Barbara Lukesch an der ZHAW, Winterthur.

Gespräch: Lian Voggel und Sebastian Schneider

Dank Ihrer langjährigen Karriere haben Sie eine hohe Präsenz in den Medien. Über Ihre Familie erfährt man trotzdem nur wenig.

Ueli Maurer: Das liegt eher an der Familie als an mir. Meine Frau hat immer gesagt, ich dürfe politisieren, aber nur ohne die Familie.

Die Medien personalisieren aber zunehmend. Da werden auch Sie mit persönlichen Fragen konfrontiert.

Ich habe das Glück, dass ich als Sportminister gelassen persönliche Dinge preisgeben kann. Zum Beispiel, dass ich mit dem Velo zur Arbeit fahre.

Geniessen Sie die Medienauftritte als Sportminister?

Nein. Ich bin ein Sportfan und besuche gerne Sportveranstaltungen. Dabei ist es aber lästig, dass mir jedesmal ein Mikrofon vor die Nase gehalten wird, sobald ich mit einem Sportler ins Gespräch komme. So geht jede Intimität verloren.

Solche Aufritte sind aber gut für Ihr Image als volksnaher Bundesrat.

Im Gegensatz zu meinen Kommunikationsleuten interessiert mich mein Image nicht. Wer nur auf sein Image achtet, ist in der Politik am falschen Ort.

Worauf achten denn Sie im Umgang mit den Medienschaffenden?

Ich versuche mich auf die Journalisten einzustellen. Es hilft mir, wenn ich das Seelenleben eines Journalisten kenne. Dann weiss ich nämlich, was ihn interessiert und wie ich es ihm am besten verkaufen kann. Medientermine sind immer so etwas wie Verkaufsgespräche.

Offenbar sind Sie ein guter Verkäufer.

Ich überlege mir jeweils im Vorfeld eines Interviews, wie der Titel der Geschichte lauten sollte. Ausgehend davon versuche ich meine Kernbotschaft so kurz und präzise zu formulieren, dass ich die Geschichte in genau die Bahnen lenke, die mir vorschweben.

Funktioniert das immer?

Als Parteipräsident gelang mir das ganz gut. Als Bundesrat weniger, weil mir heute oft der direkte Kontakt zu den Journalisten fehlt. Das ist nicht gut, denn Kommunikation basiert immer auf persönlichen Begegnungen.

Verhalten sich die Journalisten Ihnen gegenüber anders, seitdem Sie Bundesrat sind?

Zu denjenigen Journalisten, die ich schon länger kenne, habe ich nach wie vor ein gutes Verhältnis. Ich freue mich, wenn ich sie wiedersehe. Aber es ist natürlich schon so: Je höher man aufsteigt, um so mehr Kopfnickern begegnet man. Deshalb versuche ich, mir selbst der grösste Kritiker zu sein.

Gelingt es Ihnen, die Interessen von Bundesratskollegium und Partei gleichzeitig zu vertreten?

Das gelingt mir eben nicht immer. Ich muss oft Entscheidungen des Kollegiums vertreten, die genau das Gegenteil meiner persönlichen Meinung darstellen. Ich versuche, diese Diskrepanz zwischen den Zeilen klar zu machen.

Die SVP verdankt ihrer hohen Medienpräsenz einen grossen Teil ihres Erfolgs. Dabei bezeichnen Sie die Medienschaffenden als Linke.

Medienschaffende sind wie die meisten Intellektuellen tatsächlich eher links und würden am liebsten gar nicht über die SVP berichten. Nur können sie das nicht gut, weil wir am meisten Spektakel und Provokationen bieten und damit die Verkaufszahlen und Einschaltquoten in die Höhe treiben. Beim «SonntagsBlick» hat man vor einigen Jahren rund 100’000 Exemplare pro Ausgabe mehr verkauft, wenn die Titelstory von Blocher handelte.

Wie lässt sich der Trend zu immer mehr rechtslastigen Zeitungstiteln erklären?

Die Zeitungen gehorchen der Not. Wenn die Redaktionen immer mehr Leserbriefe von Leuten erhalten, die nicht mehr zufrieden sind mit ihrer Zeitung, müssen sie sich anpassen.

Am Verlegerkongress 2009 haben Sie gesagt: «Die Medien pfuschen, vermischen und kuscheln.» Sind Sie heute immer noch dieser Meinung?

Ja, mit drei Ausrufezeichen (lacht). Der Journalismus ist in der Tat schlechter geworden. Das hängt vor allem mit dem Zeitdruck zusammen. Die Medienhäuser haben viele Stellen gestrichen und verfügen mittlerweile über fast keine Spezialisten mehr.

Sie haben die WOZ für ihre klare Positionierung gelobt. Wünschen Sie sich generell klarer positionierte Zeitungen?

Mir ist das eigentlich egal. Ich habe keine Zeit, um Zeitungen zu lesen. Ich bilde mir meine Meinung aufgrund anderer Informationen.

Als Parteipräsident konnte es Ihnen aber nicht egal sein, wie die Medien positioniert sind.

Ich bin aber trotzdem der Meinung, dass man als Politiker nicht allzu oft Zeitungen lesen sollte. Politik basiert letztlich auf Vertrauen, und nicht auf gestochen scharfen Sätzen. Ich gebe den Leuten den Rat: Schaut die Zeitungen gar nicht erst an, werft sie weg. Man vergisst sowieso schnell, was darin steht.

Wären denn die neuen Medien eine Alternative?

Grundsätzlich stellen sie eine Chance dar, nur was daraus gemacht wird, ist eine Katastrophe. Bei gewissen Redaktionen werden die Artikel nur noch aufgrund der Anzahl Klicks bewertet. Der Informationsgehalt und die Zuverlässigkeit leiden darunter.

Könnte man mit den neuen Medien nicht unpolitische Leute erreichen und aufklären?

Jemand, der aufklären will, muss selbst aufgeklärt sein. Ich unterstelle aber den Journalisten, dass sie kein vertieftes Wissen mehr haben und nur noch kurz auf ihrem Job bleiben.

Was braucht es, um Sie zu provozieren?

Ich lasse mich grundsätzlich nicht provozieren. Ein-, zweimal haben mich allerdings Medienschaffende so verärgert, dass ich eine Zeit lang nicht mehr mit ihnen gesprochen habe. Als der «Blick» titelte: «Maurers Familie am Boden», nachdem ich dem Journalisten erklärt hatte, ich könne ihm jetzt kein Interview geben, weil einer meiner Söhne im Spital liege und ich nach Hause müsse, war meine Geduld erschöpft.

Belasten Sie die vielen Medienauftritte?

Nein. Da habe ich meine Routine. Medienauftritte beanspruchen auch nicht viel Zeit. Wenn es hoch kommt, machen sie fünf Prozent meiner Arbeit aus.

 

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