Seite drucken | Fenster schliessen
Eidgenössisches Departement für Verteidigung,
Bevölkerungsschutz und Sport

«Die Mehrheit ist stolz auf die Waffe und hat sie gerne zu Hause»

19.12.2010 | Tagesanzeiger

Interview: Markus Brotschi

Bundesrat Ueli Maurer äussert sich zur Waffenschutz-Initiative, zur Heimabgabe der Ordonnanzwaffe und zum Obligatorischen Schiessen.

 

Hans-Ulrich Ernst, langjähriger Generalsekretär des Militärdepartements, unterstützt die linke Waffenschutz-Initiative: Die Waffe im Schrank und das Obligatorische seien Traditionen, seien überholt. Beunruhigt Sie diese Ansicht eines Mannes, der der Armee nahesteht?

Ich habe eher das Gefühl, Herr Ernst wurde von der Realität überholt. Für mich ist er kein Experte, selbst wenn er immer zitiert wird. Ich glaube, er hat ein wenig die Orientierung verloren.

Auch Ihr Berater Jean-Jacques Chevalley sieht keinen militärischen Sinn mehr in der Heimabgabe der Dienstwaffe und im Obligatorischen.

Er sagte, nur mit militärischen Gründen könne man die Heimabgabe nicht mehr begründen. Es gebe auch staatspolitische Gründe. Was das Obligatorische betrifft: Es wurde nie diskutiert, dieses abzuschaffen. Im Gegenteil, das Obligatorische hat ein grosses Gewicht. Überholt ist die Ansicht, dass man in der Armee nicht mehr auf 300 Meter schiesst.

Dann hat Ihr Berater den Wert des 300-Meter-Schiessens falsch beurteilt. Er sagte, man habe über andere Übungen nachgedacht, weil das Präzisionsschiessen auf 300?Meter nicht mehr zeitgemäss sei.

Wir schiessen auch auf kurze Distanzen. Aber die Tendenz geht heute eher hin zu längeren Distanzen. Wir haben Scharfschützen, die auf 600 bis 800 Meter schiessen. 300 Meter sind aus schiesstechnischer Sicht eine gute Distanz. Es gibt keinen Grund, vom 300-Meter-Schiessen abzurücken.

Müssen auch gewöhnliche Soldaten auf weite Distanzen treffen?

Ja, ich war kürzlich an einem Vortrag eines französischen Generals, der aus Afghanistan zurückkam. Afghanistan ist vom Gelände her vergleichbar mit der Schweiz. Die Franzosen gingen davon aus, zwischen Häusern auf kurze Distanzen schiessen zu müssen. Nun zeigt sich, dass man auf lange Distanzen treffen muss. Die Franzosen bewundern uns für unser 300-Meter-Schiessen.

Trotzdem hat das VBS überlegt, das Obligatorische anders zu gestalten.

Es mag sein, dass es im VBS Leute gibt, die sich Gedanken darüber machen. Aber es bestehen keine konkreten Pläne.

Nochmals zurück zum Sturmgewehr zu Hause im Schrank: Worin liegt der militärische Sinn?

Früher gingen wir davon aus, dass der Soldat die Waffe zu Hause haben muss, um sich zum Mobilmachungsplatz durchzuschiessen. Diese Notwendigkeit gibt es im Moment nicht. Aber die Abgabe der Waffe hat militärisch dennoch einen Sinn. Der Wehrmann bekommt die Waffe, die ihn mit der Armee verbindet, mit der er sorgfältig umgehen und das Obligatorische schiessen muss.

Demnach ist der einzige Grund für die Heimabgabe das Obligatorische?

Nein, ohne Gewehr zu Hause müsste man allen eine Leihwaffe fürs Obligatorische geben. Das wäre irgendwie zu machen, jedoch mit grossem Aufwand verbunden. Die persönliche Waffe zeigt das Vertrauen des Staates in den Bürger, der in der Milizarmee auch Soldat ist.

Zeigen Divisionär Chevalleys Äusserungen nicht, dass ranghohe Offiziere wie Herr Ernst denken?

Ich kann nicht ausschliessen, dass es solche gibt. Aber es ist klar: Die Armeeführung und die Armee stehen zur Waffenabgabe und erachten diese als wichtig.

Ist die Waffenschutz-Initiative in ihrer Augen ein Angriff auf die Milizarmee?

Ja klar, es stehen die gleichen Kreise dahinter, die die Armee abschaffen wollen. Vom Soldaten verlangen wir, dass er im schlimmsten Fall das Leben lässt für das Land, für die Sicherheit von Frauen und Kindern. Wenn man das Höchste vom Bürger verlangt und dafür nicht bereit ist, ihm eine Waffe nach Hause zu geben, ist das staatspolitisch höchst bedenklich. Wir haben alle Massnahmen ergriffen, um den Missbrauch zu verhindern.

Glauben Sie, die Soldaten wollen die Waffe wirklich zu Hause haben?

Sicher nicht alle. Soldat sein ist nicht nur Freude, sondern auch Pflicht. Das Gewehr erinnert ihn an die Pflicht. Die grosse Mehrheit ist aber stolz auf die Waffe und hat sie gerne zu Hause.

Dient die Heimabgabe nicht dazu, die Schützenvereine zu retten?

Ich glaube nicht, dass die Schützenvereine gefährdet sind. Die Schützenvereine leben primär von jenen, die regelmässig trainieren. Es gibt viele Junge, auch Frauen, die schiessen. Schiessen ist im Aufwind und damit die Verbundenheit zur Waffe.

Aber das Feldschiessen mit 150'000 Teilnehmern wäre unmöglich, wenn die Armeewaffe im Zeughaus wäre.

Das Feldschiessen wäre kaum gefährdet. Es geht ja längst nicht jeder, der Militärdienst leistet, ans Feldschiessen. Vielleicht gingen die Zahlen etwas zurück. Es würde für die Schützenvereine sicher etwas schwieriger. Aber hier geht es nicht darum, die Schützenvereine zu erhalten. Wäre das der einzige Grund für die Heimabgabe, könnte man darauf verzichten.Aber man wirdbei der Abstimmung sehen, dass auf dem Land die Schützentradition tief verankert ist.

Die Frauen könnten den Ausschlag zugunsten der Initiative geben.

Ich glaube, es wird keine grossen Unterschiede zwischen Mann und Frau geben.In der Öffentlichkeit wird suggeriert, die Waffe zu Hause sei eine Gefahr. Die Mehrheit der Bevölkerung teilt diese Hysterie nicht. Die Waffe ist nicht die Gefahr, es ist der Mensch, der dahinter steht.

Wie geht die Abstimmung aus?

Ich denke, die Initiative wird abgelehnt, mit einem klaren Stadt-Land-Gefälle. Das Gefühl für die Tradition und den Schutz durch die Waffe wird überwiegen. Im schlimmsten Fall rechne ich mit einem knappen Volksmehr, die Mehrheit der Stände wird aber ablehnen.

 

Für Fragen zu dieser Seite: Kommunikation VBS
Seite drucken | Fenster schliessen