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Menschen im VBS: Marcel Berni, der Historiker in Laufschuhen

Marcel Berni widerspricht dem Klischee des blasswangigen Historikers, der nach tagelangem Wühlen in den tiefsten Ecken eines Archivs wieder einmal ins Sonnenlicht blinzelt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Militärakademie der ETH Zürich ist rasant unterwegs: Im Juli hat er den Europameistertitel in der Halbmarathon-Teamwertung gewonnen. Der 28-jährige Berner schafft es, seine Forschungsarbeit und den Laufsport unter einen Hut zu bringen.

05.08.2016 | Kommunikation VBS, Thomas Signer

In den Strassen Amsterdams: Marcel Berni auf dem Weg zum Europameistertitel in der Teamwertung des Halbmarathon
In den Strassen Amsterdams: Marcel Berni auf dem Weg zum Europameistertitel in der Teamwertung des Halbmarathon.

Marcel Berni, Sie sind EM-Sieger in der Teamwertung im Halbmarathon. Herzliche Gratulation! Sind Sie noch im Ausnahmezustand oder hält der Alltagstrott wieder Einzug?

Danke, es war einiges los. Die Medienpräsenz war gross, der Sieg wurde vom Schweizer Fernsehen übertragen. Entsprechend viele Leute haben mir geschrieben und ihre Glückwünsche zukommen lassen. In Zwischenzeit hat sich der Alltag aber wieder eingependelt.
 

Verraten Sie uns, wie dieser aussieht? Hauptberuflich forschen Sie ja an der Militärakademie der ETH Zürich und Sie schreiben eine Dissertation.

Ja, ich arbeite zu 60 Prozent als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Dozentur Strategische Studien. Mein Lauftraining besteht aus 2-3 Belastungseinheiten pro Woche. Dazu kommt tägliches Jogging sowie Kraft- und Stabilisationstraining. Die Highlights bilden schliesslich die Trainingslager und Wettkämpfe. Für mich war aber immer klar, dass ich mich nicht nur auf den Sport konzentriere. Ich weiss, für meine Zeit nach dem Leistungssport ist meine berufliche Karriere auf gutem Weg.
 

Die Arbeit und ein solcher Trainings- sowie Wettkampfalltag lässt sich doch kaum miteinander vereinbaren?

Klar kann es stressig und zeitweise auch belastend sein, wenn nach einem harten Arbeitstag das Training ansteht. Es handelt sich hier aber um ganz unterschiedliche Leistungsanforderungen. Die Wissenschaft fordert den Kopf, der Laufsport den Körper. Dies erweist sich für mich als perfekte, sehr bereichernde Kombination. In den Pausen der Arbeit trainiere ich und in den Pausen des Trainings arbeite ich. Glücklicherweise zeigt mein Arbeitgeber grosses Verständnis und billigt, dass ich während Trainingslagern und Wettkämpfen auch ausserhalb des Büros an meiner Dissertation arbeite.
 

Im Laufsport rennen Sie stets bestimmten zeitlichen Limiten hinterher, um sich zu qualifizieren. Bestehen in der Wissenschaft ähnliche Hürden?

Um mich für die EM im Halbmarathon zu qualifizieren, hatte ich die Marke von einer Stunde, fünf Minuten und 45 Sekunden zu unterbieten. Auch in der wissenschaftlichen Arbeit gilt es Ziele zu erreichen, keine Frage. Die Hürden sind aber weniger genau definiert und messbar. Der Wettstreit zwischen Forschern und Forschungsprojekten erweist sich ebenfalls als weniger offensichtlich. So ist es beim Vergleich verschiedener Forschungsarbeiten schwieriger zu beurteilen und umstrittener, was gut ist und was weniger gut.
 

Glauben Sie, dass sich der Leistungssport in irgendeiner Weise auf Ihre berufliche Motivation oder ihren Arbeitseifer auswirkt?

Auf jeden Fall! Es sind Eigenschaften wie Leistungsbereitschaft und Hartnäckigkeit, die sich auch in der Forschung auszahlen. Sie helfen mir am Ball zu bleiben, wenn ich mal einen Durchhänger habe. Ich stelle für mich zudem fest, dass ich an einem gut strukturierten Trainingstag produktiver forsche, als wenn ich «nur» im Büro sitze. Umgekehrt profitiert der Leistungssport von meiner Erfahrung als Wissenschaftler. So denke ich, hat meine Trainingsplanung an empirischer Grundlage, Professionalität und Systematik gewonnen.
 

Ihre Trainingseinheiten dauern jeweils stundenlang. Denken Sie dabei manchmal über wissenschaftliche Fragen nach?

Ja, der Ausbruch aus der Büroumgebung und die vielen visuellen Eindrücke beim Laufen tun gut. Zwar sind es eher Gedankenfetzen, die mir durch den Kopf gehen, die kreativsten Titel kommen mir aber immer auf Dauerläufen in den Sinn. Manchmal studiere ich auch an Quellenausschnitten meiner Forschungsarbeit. Zu Hause angelangt, schreibe ich meine Ideen gleich auf, um sie nicht zu vergessen. Sehr oft denke ich beim Laufen aber auch ganz trivial an Alltägliches.
 

Im Sport treffen Sie oft auf Vorbilder wie Mo Farah oder arbeiten gar mit Ihnen zusammen wie mit Markus Ryffel. Gibt es auch Idole in der Wissenschaft und wie wichtig sind die?

Es sind vielleicht weniger Vorbilder mit Heldenstatus wie im Sport, aber Inspirationsquellen gibt es einige. Ich bewundere beispielsweise die Arbeit und den sprachlichen Ausdruck von meinem Doktorvater Bernd Greiner sehr. Während meiner Studienzeit in Bern habe ich viel vom Militärhistoriker Stig Förster gelernt. Trotzdem: In der Geschichtsforschung arbeitet man viel für sich und muss seine eigene Forschungsrichtung wie auch den persönlichen Stil finden.
 

Da haben wir wohl einen gemeinsamen Nenner in Ihrem Beruf und dem Langstreckenlauf gefunden: In beidem müssen Sie ein ausgesprochen guter Einzelkämpfer sein!

Nein, das ist so nicht richtig! Von aussen mag beides wie eine reine Einzelbeschäftigung aussehen. In Tat und Wahrheit bin ich sowohl in ein Lauf- als auch in ein Forschungsteam eingebunden. Man trainiert oder plant gemeinsam und unterstützt sich gegenseitig. Ohne diese Unterstützung und den Austausch könnten wir niemals die gewohnten Leistungen abrufen – nicht im Sport, nicht in der Forschung.

Zur Person

Marcel Berni hat an der Universität Bern Geschichte, Politikwissenschaft und Ökologie studiert. Seit 2014 arbeitet er als wissenschaftlicher Assistent bei der Dozentur Strategische Studien an der Militärakademie der ETH Zürich. In seinem Dissertationsprojekt untersucht er den Umgang mit vietnamesischen Kriegsgefangenen im Vietnamkrieg. Daneben ist der 28-jährige ein erfolgreicher Langstreckenläufer. Dieses Jahr wurde er Schweizer Meister im Langcross und Europameister in der Teamwertung im Halbmarathon. Marcel Berni lebt in Schliern bei Köniz.

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