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«Mit der Sicherheit ist es wie mit der Gesundheit: Man schätzt sie erst, wenn sie einem genommen wird»

Professor Claude Nicollier erklärt, warum eine Armee ohne Luftverteidigung ihren Auftrag unmöglich erfolgreich erfüllen kann. Und warum es bezüglich der Sicherheit im Luftraum zum Schutz der Schweiz und ihrer Bevölkerung fünf vor zwölf ist.

22.08.2019 | Kommunikation VBS

Claude Nicollier
Foto: Keystone-SDA / Peter Schneider


Herr Professor Nicollier, Sie sagen, dass wir an der Schwelle zu einem politischen Entscheid stehen, der für das Weiterbestehen der Luftverteidigung unseres Landes von grundlegender Bedeutung ist. Malen Sie nicht allzu schwarz?

Claude Nicollier: Meines Erachtens nicht, denn: Luftverteidigung ist nur möglich, wenn die dazu erforderlichen Mittel vorhanden sind. Die heutigen Systeme – Kampfflugzeuge und Flab-Systeme – werden in den nächsten Jahren ihr Nutzungsende erreichen. Werden sie nicht ersetzt, hat die Armee spätestens 2030 keine Mittel mehr, um den Luftraum zu schützen. Der Entscheid über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge ist dabei zweifellos derjenige mit der grössten politischen Tragweite. Letztlich geht es aber um die Erneuerung eines Gesamtsystems.

Nochmals: Die F/A-18 ist eine grundsolide Maschine, und die Umsetzung der Massnahmen zur Verlängerung der Nutzungsdauer ist angelaufen. Wann ist der Punkt erreicht, wo das nicht mehr genügt?

In den letzten Jahren wurde sorgfältig geprüft, bis wann die Nutzungsdauer der F/A-18 verlängert werden kann, mit dem Ergebnis: dass eine Verlängerung über 2030 hinaus und auf mehr als 6000 Flugstunden nicht sinnvoll ist. Es ist schon eine Herausforderung, diese Grenze zu erreichen! Wenn hier jeweils höhere Flugstundenzahlen anderer Luftstreitkräfte herbeigezogen werden, müssen Luftraum und Einsatzcharakteristik der Schweiz berücksichtigt werden: Der Luftraum ist sehr klein und – bildlich gesprochen – eng. Schon wenige Minuten nach dem Start folgt der Einsatz; oft müssen enge Kurven geflogen werden, um nicht den Luftraum zu verlassen. Demgegenüber fliegen andere Luftwaffen sehr viel längere Strecken zwischen Start, Einsatz und Landung – die Kampfflugzeuge werden damit insgesamt viel weniger belastet, selbst wenn sie auf Flugzeugträgern eingesetzt werden.

Ausserdem gilt zu beachten, dass der F/A-18 im Jahr 2030 fast vierzig Jahre alt sein wird, die darin verbaute Technologie noch älter. Damit wird sich gegen einen modern ausgerüsteten Gegner nichts mehr ausrichten lassen – ähnlich, wie es heute beim F-5 Tiger schon der Fall ist.

Sie erwähnen in ihrer Zweitmeinung zum Expertenbericht «Luftverteidigung der Zukunft» die Dringlichkeit und den Faktor Zeit: Ist es bezüglich der Sicherheit im Luftraum zum Schutz der Schweiz und ihrer Bevölkerung fünf vor zwölf?

Ja, mindestens. Gegenüber der ursprünglichen Ersatzplanung für die Kampfflugzeuge haben wir heute schon eine Verspätung von 15 Jahren – und zwar aus politischen Gründen. Deshalb musste ja auch die Nutzungsdauer der F/A-18 verlängert werden. In letzter Zeit scheinen sich die Probleme bei deren Betrieb allerdings zu häufen, was bedeutet, dass wir diese Flugzeuge mit der Nutzung bis 2030 wirklich an die Grenze bringen, und vor allem: dass sich diese Nutzungsdauer nicht einfach beliebig verlängern lässt. Wenn man jetzt noch die bei so einer Beschaffung üblichen Zeitverhältnisse berücksichtigt – eine Kampfflugzeugflotte kann nicht einfach von heute auf morgen bestellt, produziert und ausgeliefert werden –, dann darf wirklich keine Zeit mehr verloren gegangen werden.

Zu heftigen Diskussionen führen wird die Frage der Flottengrösse der Kampfflugzeuge, welche für den Ersatz der F/A-18 vorgesehen wird. Sie betonen, dass man nicht minimalistisch vorgehen dürfe. Warum nicht?

Die heutige Nutzung der F/A-18 zeigt: Kampfflugzeuge sind sehr komplexe Systeme, bei denen eben über die Jahre des Einsatzes auch Probleme auftreten können. Und wir müssen leider auch in Friedenszeiten immer damit rechnen, dass ein Unglück passieren kann und es zu einem Absturz kommt. Wenn wir nun das absolute Minimum der Flottengrösse beschaffen, wirkt sich jeder Defekt direkt auf den Leistungsumfang aus. Und wenn man hier entgegnet, man könne ja dann nachbeschaffen: Kampfflugzeuge werden ständig weiterentwickelt. Würden wir in ein paar Jahren denselben Kampfflugzeugtyp nachbeschaffen wollen, wäre genau dieselbe Konfiguration gar nicht mehr vorhanden, was wiederum zu Mehraufwänden führen würde. Deshalb braucht es eine sinnvoll bemessene Flottengrösse.

Was heisst das in konkreten Zahlen?

Ich habe in meiner Analyse für die Option 2 plädiert, die rund 40 Kampfflugzeuge vorsieht. Rund heisst, ich teile hier die im Bericht der Expertengruppe vertretene Auffassung, dass sich die genaue Zahl erst anhand der Evaluationsergebnisse festlegen lässt. Je nachdem, wie die Flugzeuge die geforderten Aufgaben erfüllen und wie ihre Wartungszyklen aussehen, braucht es eben etwas mehr oder weniger Flugzeuge, um das geforderte Leistungsniveau zu erreichen.

Sie betonen, dass eine Armee ohne Luftverteidigung ihren Auftrag unmöglich erfüllen kann. Welche komplementären Mittel braucht es dazu und wie viele?

Für mich steht ausser Frage, dass Kampfflugzeuge nur in einem Gesamtsystem wirksam eingesetzt werden können. Das heisst: Es braucht auch ein System bodengestützter Luftverteidigung, mit dem u. a. Objekte über längere Zeit gegen Bedrohungen aus der Luft geschützt werden kann. Es braucht ausserdem ein Führungssystem, mit dem die beiden Mittel koordiniert werden können. Und es braucht natürlich Radaranlagen und weitere Sensoren, mit denen die Armee jederzeit über ein vollständiges Luftlagebild verfügt. Und schliesslich dürfen wir nicht vergessen: Die Luftwaffe selbst ist Teil der Armee, die wiederum ein Gesamtsystem bildet: Bodentruppen schützen die Flugplätze – und die Luftwaffe schützt die Bodentruppen.

Wie sollte das Gleichgewicht zwischen Kampfflugzeugen und bodengestützter Luftverteidigung ausgestaltet werden?

Im Detail lässt sich das erst sagen, wenn die beiden Typenentscheide vorliegen. Inzwischen liegen zwei finanzielle Eckwerte vor: 8 Milliarden Franken für beide Systeme, davon 6 Milliarden Franken für die Kampfflugzeuge – wenn Parlament und Volk diesem Entscheid folgen. Innerhalb dieser Eckwerte sollten wir versuchen, der Konfiguration, wie sie mit Option 2 vorliegt, so nahe wie möglich zu kommen.

In Ihrer Stellungnahme schreiben Sie, dass das Umfeld und die anspruchsvolle Topographie unseres Landes eine kombinierte Luftverteidigung erfordern. Ist es möglich, diese vollkommen autonom sicherzustellen?

Man muss sich fragen, ob das überhaupt ein sinnvoller Anspruch sein kann. Gerade in der Instandhaltung können wir nie völlig unabhängig vom Hersteller sein, ob es nun ein europäischer oder amerikanischer ist. Trotzdem müssen wir einen zweckmässigen Grad an Eigenständigkeit anstreben; hier muss die Evaluation Antworten liefern.

Was die Autonomie im Einsatz betrifft, so muss es uns gelingen, den Luftpolizeidienst selbständig sicherzustellen, die Verteidigung im Konflikt zumindest einige Wochen aufrechtzuerhalten. Das gelingt nur mit einer kombinierten Luftverteidigung bestehend aus einer Kampfflugzeugflotte, die genügend durchhaltefähig ist, und einem Bodluv-System, das zumindest grosse Teile der Schweiz permanent schützen kann.

Wie stellen unsere Nachbarstaaten die Luftverteidigung sicher? Und wie andere bündnisfreie Kleinstaaten?

Deutschland, Frankreich und Italien haben – als Nato-Mitglieder – ihre Fähigkeiten stark auf die Bündnisverteidigung ausgerichtet; sie alle haben aber gleichzeitig auch den Anspruch einer gewissen Autonomie. Das bündnisfreie Österreich versucht, im Rahmen der finanziellen Mittel seinen Luftraum selbständig zu schützen, will aber in Zukunft mehr auf eine europäische Verteidigungspolitik setzen. Die neutralen Länder Schweden und insbesondere Finnland streben eine hohe Eigenständigkeit an, was natürlich auch mit ihrer geopolitischen Situation zu tun hat. So hat fast jedes Land einen eigenen Weg, den anspruchsvollen Schutz des Luftraums zu gewährleisten. "One size fits all", das gibt es in der Luftverteidigung nicht.

Wie erklären Sie der Öffentlichkeit, dass unser Luftraum von strategischer Bedeutung ist?

Der Personen- und Güterverkehr ist auf einen sicheren Luftraum angewiesen. Und der Luftraum kann nur genutzt werden, wenn er sicher ist. Jemand muss also kontrollieren, dass Luftverkehrsregeln nicht verletzt werden und dass sich nur im Luftraum aufhält, wer das darf und dabei die Neutralität der Schweiz nicht verletzt. Und diese Aufgabe kann nur die Luftwaffe übernehmen.
Übrigens hat unser Luftraum nicht nur für uns selbst strategische Bedeutung: Weil er eben im Herzen Europas liegt, führen zwei der wichtigsten Luftverkehrsstrassen über die Schweiz; so passieren jeden Tag zwischen 3500 und 5000 zivile Flugzeuge die Schweiz!

Ist es zielführend, wieder mit "Abhaltewirkung" zu argumentieren?

Ich glaube, dieser Ansatz lässt sich auf den Luftpolizeidienst wie auch für Zeiten erhöhter Spannungen oder einen Konflikt anwenden. Wird der Schweizer Luftraum im Alltag als gut kontrolliert wahrgenommen, kommt es weniger zu Verletzungen der Luftverkehrsregeln – das ist wie beim Strassenverkehr!

Im Falle eines drohenden Konflikts kann es in der Interessenabwägung eines Gegners entscheidend sein zu wissen, dass die Schweiz über eine funktionierende und wirksame Luftwaffe verfügt. Die beste Verteidigung ist ja bekanntlich die, die einen Gegner überhaupt von seinem Angriff abhält. Das gilt auch für Konflikte, die gar nicht direkt die Schweiz betreffen: Einer Konfliktpartei muss glaubhaft gemacht werden, dass ein Überflug zu militärischen Zwecken nicht toleriert wird – sofern der Einsatz nicht von der UNO unterstützt wird.

Und welcher «Level of amibition» ist dafür nötig?

Das wird meines Erachtens im Expertenbericht sehr plausibel geschildert. Es geht darum, eine Durchhaltefähigkeit zu erreichen, mit der die Luftwaffe auch über eine längere Zeit erhöhter Spannungen einsatzfähig bleibt. Im Konfliktfall müssen sich auch Schwergewichte bilden lassen. Und mit einem Bodluv-System sollte ein permanenter Schutz über grössere Teile der besiedelten Schweiz gewährleistet werden können. Aus finanzieller Sicht dürfen dabei aber auch die übrigen Teile der Armee nicht vergessen werden; es braucht also eine ausgewogene Lösung – die scheint mir mit Option 2 gegeben.

Man hört oft das Argument, dass man doch Kampfhelikopter anschaffen soll. Was sagen Sie dazu?

Kampfhelikopter sind für ganz andere Aufgaben konzipiert; sie sind ausschliesslich für die Feuerunterstützung von Bodentruppen ausgelegt. Sie eignen sich nicht für den Luftpolizeidienst, weil sie weder die Geschwindigkeit noch die Flughöhe erreichen, um etwa ein Linienflugzeug kontrollieren zu können. Und im Einsatz gegen Kampfflugzeuge wären sie ebenfalls zu langsam und nicht angemessen bewaffnet.

Und wie steht es mit Drohnen?

Gerade im Luftpolizeidienst fehlt ihnen das, was eben eine Drohne ausmacht – der Mensch! Dort ist es nämlich oft entscheidend, dass der Kampfflugzeugpilot Blickkontakt mit dem Piloten des abgefangenen Luftfahrzeugs aufnehmen und sich mit ihm etwa über Handzeichen verständigen kann, wenn keine Funkverbindung besteht. Diese Aufgabe lässt sich mit einem unbemannten System nicht wahrnehmen.

Gewisse Politiker plädieren für "leichte Kampfflugzeuge". Können Sie das nachvollziehen? Und gibt es das überhaupt?

Ich kann sehr gut nachvollziehen und begrüsse es, dass man sich nach innovativen Ansätzen und Alternativen umschaut. Aber sogenannte leichte Kampfflugzeuge sind meines Erachtens keine Lösung. Erstens sind es eben eigentlich einfach Trainingsflugzeuge, die genau dazu da sind: für das Training, nicht für den Einsatz. Sie können also für bestimmte Aufgaben eine Kampfflugzeugflotte ergänzen, aber sicher nicht ersetzen. Denn nicht einmal der Luftpolizeidienst liesse sich mit ihnen erfüllen, von der Luftverteidigung ganz zu schweigen. Die Meinung, es gebe Maschinen, die günstiger seien in Beschaffung und Betrieb, aber gleichzeitig alles gleich gut können, halte ich für verfehlt – wo gibt es das schon?

Lassen Sie uns noch über Finanzen sprechen. Braucht es zusätzliche Mittel, um die Sicherheit der Schweiz auch in Zukunft gewährleisten zu können?

Wie gesagt, die finanziellen Rahmenbedingungen sind grundsätzlich gegeben. Und ich denke auch, dass sich damit eine sinnvolle Lösung erzielen lässt. Es ist jetzt die Aufgabe der Experten bei armasuisse und Armee, innerhalb dieser Eckwerte möglichst nahe an die Option 2 zu kommen, weil sie das aus meiner Sicht richtige Ambitionsniveau darstellt.

Sie empfehlen absolute Disziplin und Loyalität in der Kommunikation von Meinungsführenden, was drastisch klingt. Warum kommen Sie zu diesem Schluss?

Kampfflugzeugbeschaffungen sind hochpolitische Geschäfte. Es gibt vehemente Gegner und leidenschaftliche Befürworter, letztere sind es dann aber oft nur für einen ganz bestimmten Typen. Und es gibt zahlreiche echte und Pseudo-Experten, die ihre Meinung lautstark vertreten. In diesem Stimmenwirrwarr müssen Armee und Verwaltung mit einer einzigen Stimme sprechen; klar und deutlich, nicht zu leise und nicht zu laut. Nur so können die Menschen in diesem Land davon überzeugt werden, dass der eingeschlagene Weg richtig ist.

Erstpublikation im STA Info-Flash 1/19

Video

Warum die Schweiz neue Kampfflugzeuge braucht