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Die Froschmänner von der Stierliweid

Einsatztaucher der Armee unterstützen die Truppe bei Einsätzen am, im und zum Teil über Wasser. Sie bilden eine kleine Einheit mit einigen Besonderheiten. Ihre Basis ist das Armeetaucher-Zentrum in Bremgarten (AG).

19.09.2018 | Kommunikation Verteidigung, Fahrettin Calislar

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28 Männer sind bei den Armeetauchern eingeteilt. Wenn der Chef der Einsatztaucher, Stabsadjutant Claudio Demarmels, die Aufträge seiner Einheit darlegen will, muss er beide Hände zu Hilfe nehmen. «Unsere Aufgabe ist das Suchen und Bergen, und dies meistens unter Wasser», leitet er ein und zählt auf: genietechnische Erkundungen – zum Beispiel, wenn es darum geht, eine Einbaustelle für die Brücken der Genietruppe zu überprüfen und mitzuhelfen, allfällige Pfahlreste von früheren Einsätzen zu entfernen; die Bergung von Personen, Material und Munition; die Unterstützung der Truppe beim Sicherungs- und Rettungsdienst sowie die Kontrolle von militärischen Infrastrukturen. Er denke da an die Bojen des Schiessplatzes Forel im Neuenburgersee, welche die Armeetaucher regelmässig kontrollieren und bei Bedarf ersetzen. Sie greifen auch den zivilen Behörden unter die Arme, so Demarmels, zum Beispiel bei Such- und Rettungsaktionen.

Einen Pikettdienst hätten sie zwar nicht, räumt er ein. Im Bedarfsfall könnten seine Milizler trotzdem innert 24 Stunden per Marschbefehl aufgeboten werden.

Geübte Taucher sind gefragt

Zwei bis vier neue Mitglieder nimmt das Team jährlich auf. Diese erhalten ihre Ausbildung unter anderem im Tauchzentrum in der Stierliweid in Bremgarten (AG). Das Zentrum wurde 2006 in einer Halle auf einem früheren Baumaschinenübungsplatz eingerichtet. Das Herz der Anlage ist ein 40 000 Liter fassendes Wasserbecken. Sie hätten dafür einen alten Schiffscontainer genommen, erinnert sich Demarmels, diesen verstärkt und mit Fenstern ausgestattet, und einen Wasserfilter angebaut. Gleich nebenan, wo früher eine Garage war, steht heute die Füllanlage für Tauchflaschen.

Er erhalte rund 50 Anmeldungen im Jahr, sagt Demarmels, der selber seit 1994 taucht und schon 2800 Tauchgänge gemacht hat. Die Aufnahme der neuen Mitglieder erfolgt nach einem intensiven Verfahren, an welchem die sportlichen und taucherischen Fähigkeiten geprüft werden (siehe Kasten). «Ich kann auswählen», betont er und stellt klar, dass hohe Hürden wichtig seien: «Das Tauchen in unseren Gewässern ist nicht dasselbe wie im klaren Meer. Es ist kalt, meistens dunkel und oft sieht man kaum Farben.» Dann könne es sein, dass selbst 300 Tauchgänge im Meer für einen Bewerber für eine Aufnahme nicht ausreichten. Die Grundausbildung sei ja auch eher eine weiterführende Spezialisierung. Denn die Bewerber brächten schon Taucherfahrung mit, zum Beispiel als Polizei- oder Höhlentaucher. Sie würden dann auf die Bedürfnisse der Armeetaucher umgeschult und an den Instrumenten ausgebildet. Es dauere rund zwei Jahre, bis ein Taucher voll einsatzbereit sei, sagt Demarmels. Jedes Mitglied müsse jede Funktion erfüllen können, bis hin zum Einsatzleiter. Entsprechend sei die mitgebrachte militärische Hierarchie auch aufgehoben. Das heisst, nicht selten befehle ein Soldat einen Major. «Wir haben keine Zugstruktur sondern sind ein Detachement.» Und Demarmels fügt an: «Bei uns entscheidet ja auch der Taucher selbst, ob er ins Wasser geht. Die Chefs können es ihm nicht befehlen.»

Hoher Grad an Autonomie

Kampftaucher im engeren Sinne sind sie nicht, vielmehr eine Genieeinheit, deren Einsatzgebiet oft unter Wasser liegt. Die Truppe gehört zum Lehrverband Genie/Rettung/ABC. Demarmels selbst verstehe sich als «Kompaniekommandant, Feldweibel, Fourier in Einem».

Die Einheit zeichnet sich durch einen hohen Grad an Autonomie aus. Sie seien in ihrem Alltag mit ganz spezifischen Problemen konfrontiert, für welche sie ständig ganz spezifische Lösungen suchen und finden müssten. Zum Beweis zeigt er zwei Metallhaken. Damit können sich seine Taucher trotz einer starken Gegenströmung am Grund des Gewässers vorwärts ziehen. Das Konzept stamme von einem seiner Männer, der im Zivilberuf Schlosser sei, sagt Demarmels nicht ohne Stolz.

Claudio Demarmels ist sich bewusst, dass seine Einheit in der Schweizer Armee etwas aus dem Rahmen fällt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hat er grosse Freude an seiner Arbeit: «Ich habe da eine geniale Truppe. Wir sind eine kleine Familie.»

Fachbereich Tauchen der Armee

Die Armeetaucher stehen in der Tradition der Tauchschwimmer, die zwischen 1969 und 1979 in der Schweizer Armee dienten und für welche es auch eine Rekrutenschule gab. Zwischen 1979 und 2006 wurde der Dienst von einigen Berufsmilitärs in Form einer provisorischen Tauchequipe aufrechterhalten. Dann wurde die Truppe wieder reaktiviert. Gesucht werden aktive Zweisterntaucher mit Brevet CMAS oder PADI Rescue. Die Kandidaten müssen die Rekrutenschule abgeschlossen und eine aktuelle militärische Einteilung haben, sowie noch mindestens 100 zu leistende Diensttage aufweisen. Sie müssen zwischen 20 und 35 Jahre alt sein und sich verpflichten, sich auch ausserhalb des Dienstes allgemein wie tauchtechnisch fit zu halten. Einen Teil der Ausbildung machen die Neulinge in Vitznau in der früheren Artilleriefestung. Dann folgt eine Woche Spezialausbildung in einem anderen Gewässer unter schwierigeren Bedingungen.

Armeetaucher