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Wie weiter mit dem Notfallradio?

Mit Alertswiss haben die Behörden in der Schweiz im Bereich der Alarmierung neue Wege beschritten. Für das weiterhin bestehende System zur Alarmierung und Information der Bevölkerung mittels Sirenen und Radio zeichnet sich jedoch eine neue Herausforderung: Die Ablösung von UKW durch DAB+ stellt die mittelfristige Zukunft des Notfallradios in Frage.

13.11.2018 | Kommunikation BABS, Kurt Münger, Mirdita Useini

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Im Katastrophenfall informieren die Behörden die Bevölkerung über Radio. Im Bild: Sendeturm Rigi.

Bei Katastrophen und Notlagen haben die zuständigen Behörden seit Kurzem die Möglichkeit, Alarmmeldungen und weitere Informationen zum Ereignis direkt an die betroffene Bevölkerung zu verbreiten: als Push-Mitteilung über die Alertswiss-App und als Online-Publikation auf der Alertswiss-Website. Damit wird das bestehende System mit den Sirenen und der Information der Bevölkerung via Radio ergänzt und erweitert. Die Schweiz verfügt über ein flächendeckendes Sirenennetz, über das die gefährdete Bevölkerung alarmiert werden kann: Mit den rund 5000 stationären und 2200 mobilen Sirenen erreichen die Behörden nahezu die gesamte Schweizer Bevölkerung.

Sirenen und Radio bleiben die Grundpfeiler

Die stationären Sirenen sind sehr robust und können auch grösseren Ereignissen standhalten. Sie verfügen über eine Notstromversorgung und funktionieren selbst bei einem längeren Stromausfall.

Die Behörde, die einen Sirenenalarm auslöst, verbreitet in einem zweiten Schritt via Radio und weitere Medien Informationen über die Gefährdung und vor allem die Verhaltensanweisungen. Die Radioredaktionen sind gesetzlich zur Verbreitung dieser behördlichen Informationen verpflichtet. Die Verbreitung über die ersten Programme der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR) ist durch das spezielle Notdispositiv ICARO (Information Catastrophe Alarme Radio Organisation) sichergestellt, rund um die Uhr und an jedem Tag des Jahres.

Nach der Ablösung von UKW durch DAB+

Die Information der Bevölkerung über Radio ist auch gewährleistet, wenn die im Alltag genutzte Infrastruktur nicht mehr zur Verfügung steht, zum Beispiel nach einem schweren Erdbeben oder einem langandauernden Stromausfall. Zu diesem Zweck gibt es das System IBBK-Radio mit speziellen UKW-Notfallsendeanlagen (vgl. Kasten). Die SRG, die Privatradios und der Radiohandel – mithin also die gesamte Rundfunkbranche – setzen allerdings für die Zukunft auf die Karte DAB+. Bereits ab 2020 soll die analoge Radioverbreitung über UKW schrittweise abgestellt werden. Nach heutigem Stand der Planung herrscht in der Schweiz im Alltag auf UKW spätestens ab Mitte der 2020er-Jahre buchstäblich Funkstille. Hinzu kommt, dass sich das Nutzungsverhalten der Bevölkerung verändert – Stichworte «Streaming» und «zeitversetztes Radiohören».

Was bedeutet dies für den Bevölkerungsschutz? Grundsätzlich ist der Betrieb der Notsendeanlagen bis ins Jahr 2027 sichergestellt und könnte auch darüber hinaus fortbestehen. Wenn aber im Alltag kein UKW-Empfang mehr existiert, müssten die Radiohörerinnen und -hörer im Katastrophenfall, in dem die normalen Sendeanlagen ausfallen, auf UKW umstellen, um die behördlichen Informationen empfangen zu können.

Aktuell verfügen die handelsüblichen DAB+-Radiogeräte standardmässig über UKW-Empfang. Wie lange bleibt dies aber so, wenn UKW abgeschaltet ist? Und selbst wenn UKW-Empfangsgeräte verfügbar sind: Wer ist dann noch auf Anhieb fähig, UKW einzuschalten und den richtigen Sender zu finden? In der Notfallvorsorge ist es grundsätzlich problematisch, auf ein System zu setzen, das nur im Katastrophenfall zum Einsatz kommt. Bei den Nutzerinnen und Nutzern fehlt dann das erforderliche Know-how. Sie befinden sich zudem typischerweise in einer Stresssituation, in der sich Schwierigkeiten besonders stark auswirken können.

Politischer Entscheid

Zusammengefasst stellt sich Frage, wie lange das Verbreiten von Radioinformationen über UKW wirksam und sinnvoll bleiben kann, wenn UKW von der Bevölkerung im Alltag nicht mehr genutzt wird. Gemeinsam mit seinen Partnern ist das BABS daran, diese Frage vertieft abzuklären und Optionen für das weitere Vorgehen zu erarbeiten. Im Hinblick auf eine allfällige Weiterentwicklung oder Ablösung von IBBK-Radio müssen letztlich zwei weitere, grundlegende Fragen beantwortet werden: Wie ausfallsicher soll ein zentrales System für die Information der Bevölkerung durch die Behörden in Krisen sein? Und: Soll die Bevölkerung weiterhin in den Schutzräumen mit Informationen versorgt werden können? Muss die Stimme noch durch Beton gehen? Entsprechende Entscheidungen werden in den nächsten Jahren auf politischer Ebene getroffen.

IBBK-Radio

Notfall- und Katastropheninformationen werden heute über UKW und DAB+ verbreitet. Schwerwiegende Ereignisse können aber dazu führen, dass die Organisation und Infrastruktur für die Verbreitung von Informationen über Radio ausfällt. Deshalb gibt es in der Schweiz ein System zur Information der Bevölkerung durch den Bund in Krisenlagen, kurz IBBK-Radio: Vom Bund betriebene Zusatzelemente ergänzen die Infrastruktur der SRG-Radiosender. Über die gesamte Schweiz verteilt, sind Sendestationen mit UKW-Notsendeanlagen ausgerüstet, die über eine sehr grosse Sendeleistung verfügen und besonders geschützt sind. Sie werden in Betrieb genommen, wenn die normale Sendeinfrastruktur nicht mehr zur Verfügung steht. Als Ergänzung können zudem rasch mobile Notsender eingerichtet werden. Dadurch können die Behörden die Bevölkerung in Notlagen über UKW informieren.