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«Die Auswertung erfolgt bei allen Kandidaten nach den gleichen Grundsätzen»

Auf dem Militärflugplatz Payerne haben die Flug- und Bodenerprobungen für ein neues Kampfflugzeug begonnen. Die Erprobungen der fünf Kandidaten (Eurofighter, F/A-18 Super Hornet, Rafale, F-35A und Gripen E) dauern von April bis Ende Juni 2019. Armasuisse-Mitarbeiter Bernhard Berset, Teilprojektleiter Erprobung NKF, im Interview.

08.04.2019 | Kommunikation armasuisse, Nadine Schröder

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Herr Berset, worum geht es in der Flugerprobung, was umfasst diese und wo liegt der Fokus?

Bernhard Berset: In der Erprobungsphase, die zum ordentlichen Ablauf eines Beschaffungsprojekts gehört, werden die Fähigkeiten und Eigenschaften der Kampfflugzeuge getestet. Die Grundlage sind die militärischen Anforderungen und die Antworten auf einen sehr langen Fragenkatalog, der von den Herstellern mit der Offertanfrage beantwortet werden musste. Die Angaben der Hersteller werden mit der Flugerprobung überprüft, wobei der Fokus vor allem auf der Leistungsfähigkeit der Sensoren, deren Integration in das Kampfflugzeugsystem sowie der Darstellung der Informationen liegt. Aber auch Flugleistungen und Flugeigenschaften werden getestet.

Diese Flugerprobung ist allerdings nur ein Teil: Genauso wichtig ist die Überprüfung von logistischen und betrieblichen Aspekten wie zum Beispiel der Flugzeugbereitstellung. Denn der Betrieb generiert einen wesentlichen Bestandteil der Aufwände und Kosten.

Vor der eigentlichen Flugerprobung in der Schweiz findet deshalb eine rund zweiwöchige Erprobung im Simulator im Herstellerland statt. Damit können gegenüber früheren Evaluationen die Anzahl der geflogenen Flugstunden deutlich reduziert und somit Kosten gespart werden. Für den Bereich Logistik und Betrieb finden Produkt-Support-Audits ebenfalls bei den Herstellern oder den Luftwaffen der Herstellerländer statt.

Warum werden die neuen Kampfflugzeuge in der Schweiz getestet und nicht im Herstellerland?

Bernhard Berset: Nicht die gesamte Erprobung findet in der Schweiz statt. Wichtige Teile der Bodenerprobung und Überprüfungen in den Simulatoren finden im Herstellerland statt, weil wir diese dort mit weniger Aufwand und besserer Qualität durchführen können.

Es war jedoch eine Anforderung an die Herstellerländer, dass die eigentliche Flugerprobung in der Schweiz erfolgen muss. Nur so ist gewährleistet, dass alle Kandidaten die gleichen Erprobungsbedingungen haben. Zum Beispiel ermöglicht dies die gleiche Zieldarstellung oder den Einsatz der Sensoren in der gleichen Umwelt. Ausserdem wird so sichergestellt, dass die neuen Systeme mit den bestehenden Systemen und Infrastrukturen harmonieren.

Welches sind die grössten Herausforderungen während der Erprobung? Gibt es Risiken?

Bernhard Berset: Eine gewisse Herausforderung ist die Anzahl an Kandidaten. Wir kontrollieren den Aufwand mit genauer Planung und achten wie immer darauf, dass wir den Umfang und die Tiefe der Erprobung so umfassend und effizient wie möglich gestalten.

Risiken werden im ganzen Beschaffungsprojekt und damit auch im Flugerprobungsbereich systematisch erfasst, überwacht und wo möglich minimiert oder beseitigt. Zum Beispiel planen wir soweit möglich Reserveblöcke für wetterbedingte Flugausfälle ein.

Wie ist sichergestellt, dass alle Typen gleich bewertet werden können?

Bernhard Berset: Einerseits müssen alle Kandidaten das gleiche Erprobungsprogramm absolvieren. Andererseits erfolgt die Dokumentation und Auswertung mit vorgängig genau definierten Prozessen und Methoden. Diese Tätigkeiten führen gemischte Expertenteams aus Luftwaffe, Armeestab, Logistikbasis der Armee, Führungsunterstützungsbasis und armasuisse aus, womit alle betroffenen Fachbereiche miteinbezogen sind.

Was ist die Rolle von armasuisse? Welche Aufgaben hat die Luftwaffe?

Bernhard Berset: Grundsätzlich führt die armasuisse die Evaluation in dieser Beschaffungsphase. Wir arbeiten in der Erprobung jedoch in einem integrierten Team. So stellt denn auch die Luftwaffe mit Major i Gst Cédric Aufranc meinen Stellvertreter. Neben den erwähnten Organisationseinheiten helfen uns auch Dienststellen des Heeres, z.B. der Militärischen Sicherheit, bei der Durchführung der Evaluation. Basierend auf den gemeinsam erarbeiteten Resultaten bleibt die formelle Verantwortung für die allgemeine und logistische Truppentauglichkeit bei Armeestab, Luftwaffe resp. Logistikbasis der Armee und für die Beschaffungsreife bei der armasuisse.

Auf was freuen Sie sich, woraus besteht ihr Highlight?

Bernhard Berset: Ich freue mich darauf, mit einem sehr motivierten und integrierten Team diese Erprobung durchführen zu dürfen.

Werden Sie persönlich die Flugzeuge fliegen? Wer tut dies ausser/anstatt Ihnen?

Bernhard Berset: Bei den Kandidaten mit doppelsitzigen Kampfflugzeuge ist geplant, dass zwei Testpiloten der Luftwaffe und zwei Testpiloten der armasuisse zusammen mit einem Testpiloten des Herstellers fliegen. Bei Herstellern mit einsitzigen Kampfflugzeugen wird diese Aufgabe von Piloten des Herstellers übernommen. Die Auswertung erfolgt bei allen Kandidaten nach den gleichen Grundsätzen und durch Schweizer Testpiloten und Flugversuchsingenieure. Als Teilprojektleiter Erprobung konzentriere ich mich auf die Führung der Erprobungstätigkeiten und überlasse die fliegerische Tätigkeit meinen Kollegen.

Testpilot/Flugversuchsingenieur

Zu besetzende Testpilotenstellen im VBS, also im Fachbereich Flugerprobung der armasuisse in Emmen oder beim Fachdienst Operationelle Erprobung und Evaluation bei der Luftwaffe in Payerne, werden im Militärpiloten-Korps ausgeschrieben. Nach dem Auswahlverfahren absolvieren junge Testpiloten und Flugversuchsingenieure eine umfangreiche Zusatzausbildung, die auch Kurse an ausländischen Testpilotenschulen umfasst. Die Voraussetzungen sind eine gute fliegerische Qualifikation und Freude an analytischer Vorgehensweise. Eine weitere Voraussetzung ist ein grosses technisches Interesse und Verständnis. In der Regel haben die Testpiloten und Flugversuchsingenieure ein Hochschul- oder Fachhochschulstudium mit technischer Ausrichtung absolviert. Ebenfalls sehr wichtig sind gute mündliche und schriftliche Kommunikationsfähigkeiten sowie ein hohes Mass an Teamfähigkeit, da Testaufgaben im komplexen Umfeld der Militärfliegerei nie alleine bewältigt werden können.