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Florence Darbellay – eine unkonventionelle Sportkarriere

Zum zweiten Mal fanden am Sonntag, 22. September, Moutainbike Marathon Weltmeisterschaften in der Schweiz statt. Am Vortag hatte Bundesrätin Viola Amherd den Anlass mit einer Ansprache feierlich eröffnet. Die WM in Grächen haben wir zum Anlass genommen, uns mit der 42-jährigen Rennfahrerin Florence Darbellay zu treffen, um mehr über ihren nicht alltäglichen Werdegang zu erfahren. Ein Portrait.

25.09.2019 | Kommunikation VBS, Tanja Rutti

Die Sportministerin wünscht nach ihrer Eröffnungsrede in Grächen der Rennfahrerin Florence Darbellay für das sonntägliche Rennen viel Glück. Foto: Kommunikation VBS/DDPS

«Mit Velofahren konnte ich überhaupt nichts anfangen», blickt Florence Darbellay schmunzelnd auf ihre Jugendjahre in Martigny im Wallis zurück. Bis im Alter von 20 Jahren hat sie völlig andere Interessen. Sie tanzt Ballett, spielt Tennis, reitet und ist während einem Jahr Flügelspielerin des Basketballclubs Agaune. Anfangs 20 beginnt sie die Ausbildung zur Chiropraktikerin, welche sie unter anderem vier Jahre nach Kanada und schlussendlich zum eidgenössischen Diplom in Chiropraktik führt. Während zehn Jahren legt die Walliserin jegliche sportliche Aktivität auf Eis.

Schicksalhafte Begegnung

2009 führt Florence eine, ursprünglich nur für vier Monate geplante, Aushilfsstelle in einer Chiropraxis nach Neuchâtel. Der Zufall will es, dass sich in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung ein Fitnessstudio befindet, bei welchem sie sich ohne langes Zögern einschreibt. Schon nach einigen wenigen Stunden ist die Lust am Sport wieder da und auch die Chemie zwischen ihr und dem Fitnesscoach und Besitzer des Studios (und bis heute fester Trainer) Bernard Maréchal stimmt sofort. Unter anderem absolviert sie dank dem intensiven Training schon bald mit Erfolg die kleine Patrouille des Glaciers.

2010, Florence ist unterdessen 32 Jahre alt, schlägt Maréchal ihr vor, ein Mountainbike zu kaufen. Zwei Wochen später nimmt sie an ihrem ersten regionalen Rennen teil und gewinnt in ihrer Kategorie die ersten Rennen im gleichen Sommer. Rückblickend sagt sie: «Ich wusste natürlich, dass es mit anfangs 30 nicht mehr möglich war, bei der Elite ganz vorne mitzufahren und dass ich in der Disziplin Crosscountry keine grossen Chancen hatte, ich merkte aber bald, dass ich ein grosses Potential für Ausdauer-Rennen hatte.»

Die grössten und unvergesslichsten Erfolge

Von den ersten Erfolgen beflügelt, startet sie bald an überregionalen Rennen, dann an den Schweizermeisterschaften, am berühmten Grand Raid (wichtigstes Mountainbike Rennen Europas im Hochgebirge) und ab 2015 an den Weltmeisterschaften.

Mit leuchtenden Augen erzählt die Athletin von ihrem schönsten Erfolg in ihrer Walliser Heimat: Der Gewinn des 125 km langen «Grand Raid»-Abschnitts Verbier–Grimentz im Jahr 2017. Ebenfalls in den Top Five figurieren ihr erster Sieg an der Raiffeisen Trans im Neuenburger Jura («da wurde ich als Sportlerin zum ersten Mal in einer Zeitung erwähnt»), die Teilnahme an ihrem ersten Crosscountry-Weltcup im Jahr 2014, der 15. Rang und gleichzeitig ihr bestes Ergebnis an einer Marathon-Weltmeisterschaft im Jahr 2016 sowie der Sieg der Raiffeisen Trans als erste über 40-jährige Sportlerin im Jahr 2017.

Florence Darbellay in Aktion am Grand Raid 2019 in der Region von Mandelon. Foto: ©Eric Frachon, Show Media Live.

Ein Fuss im Arbeitsleben

Nebst dem gedrängten Renn- und Trainingsprogramm, arbeitet die Walliserin noch zweieinhalb Tage pro Woche in ihrem Beruf als Chiropraktikerin in Neuchâtel. Aus dem viermonatigen Aushilfejob ist übrigens seit zehn Jahren eine Festanstellung geworden. Für Florence bedeutet dies ein Gewinn für alle Beteiligten. Zum einen ist es für die sportliche Karriere ein grosser Vorteil einen Fuss im medizinischen Bereich zu haben und seinen Körper und seine Reaktionen somit noch besser zu kennen. Zum anderen kann sie dank ihren Erfahrungen und Blessuren im Rennsport, ihre Patienten häufig besser beraten. «Zudem gehören meine Arbeitskollegen und Patienten zu meinen treusten Fans und verfolgen meine Radsportkarriere aus nächster Nähe», lacht sie.

Saisonende und Zukunft

Die Marathon Weltmeisterschaften vom 22. September in Grächen bedeuten für Florence das Saisonende. Bis Ende November wird sie sich nun Zeit lassen, um zu entscheiden, ob sie nochmals eine Elite-Lizenz lösen wird und sich nochmals ein Jahr dem Mountainbikesport verschreibt. Nach nächster Saison wird sie höchstwahrscheinlich definitiv ihre sportliche Karriere beenden.

Fürs 2020 hat sie sich noch den 9. Sieg der Raiffeisen Trans mit seinen 5 Etappen durch den Neuenburger Jura vorgenommen. Und fügt an: «Die Etappe Evolène–Grimentz vom Grand Raid möchte ich auch noch gewinnen. Dann wäre ich die erste Sportlerin, welche alle vier Etappen dieses legendären Rennens gewinnen konnte.»

Auf ihr Leben nach dem Mountainbikesport freut sie die 42-Jährige sehr und hat bereits viele Projekte und Ideen im Kopf. Sie plant wieder zurück ins Wallis zu ziehen und eine eigenen Chiropraxis zu eröffnen, ihre alten Studienfreunde in Kanada zu besuchen und weiterbildende Seminare im Ausland zu belegen. Momentan liebäugelt sie mit einem Seminar in Australien. Auch wird sie weiterhin als Chorleiterin in Martigny arbeiten, eine Leidenschaft, welche sie schon seit Jahren pflegt. «Ich freue mich auf die Zukunft. Nachdem ich mit über 30 eine Sportlerkarriere beginnen durfte, weiss ich, dass nichts unmöglich ist.»

Und was ist mit dem Velofahren? «Klar, aber dann natürlich auch mit einem Elektrobike», sagts und strahlt übers ganze Gesicht.

UCI Mountainbike Marathon World Championsship 2019 in Grächen

Vom 20.–22. September 2019 fanden in Grächen in der Region Visp die UCI Mountainbike Marathon Weltmeisterschaften statt. Insgesamt nahmen über 250 Fahrerinnen und Fahrer teil. Nach der Ausrichtung der ersten UCI Mountainbike Marathon Weltmeisterschaften überhaupt im Jahr 2003 in Lugano, an denen damals Mountainbike-Legende Thomas Frischknecht den Titel errang, durfte die Schweiz den Anlass erneut organisieren. Für Florence Darbellay war das Rennen im Wallis ein Heimspiel. Zusätzlich zu den Eltern, welche sie zu den meisten Rennen begleiten, durfte sie auf einen grosse Fangemeine aus Freunden und Familie zählen. Die grosse Unterstützung hat sich ausbezahlt, die Athletin fuhr als viertbeste Schweizerin auf den sehr guten 19. Platz.

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