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«Das wichtigste ist, dass man sich selber treu bleibt»

Welche Erfahrungen macht eine Frau in einer Top-Führungsposition auf Bundesebene? Werden Frauen gefördert? Pälvi Pulli, Chefin der Sicherheitspolitik im VBS, steht im Interview Red und Antwort.

20.05.2020 | Kommunikation VBS, Rosalyne Marie Reber

Chefin Sicherheitspolitik Pälvi Pulli
Pälvi Pulli, Chefin Sicherheitspolitik VBS. © VBS/DDPS, Kaspar Bacher

 

Wie nehmen Sie das Thema Frauenförderung im VBS wahr?

Pälvi Pulli: In den zwei letzten Jahren, seit ich Chefin Sicherheitspolitik im VBS bin, bin ich aufmerksamer auf das Thema Frauenförderung geworden, gerade im Bereich Sicherheitspolitik. Einerseits sind in diesem Bereich des VBS immer noch relativ wenige Frauen tätig. Andererseits kommt der Frauenförderung mit der neuen VBS-Chefin Viola Amherd seit 2019 höhere Priorität zu als bislang. Mit der zunehmenden Berufserfahrung wird man zudem bewusster über bestimmte Stereotypen im Alltag. Man hat manchmal zumindest den Eindruck, dass wenn Frauen beispielsweise dezidiert auftreten, ein solches Verhalten tendenziell negativer wahrgenommen wird als bei Männern, weil das nicht zu üblichen Mustern passt.

Was empfehlen Sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen?

Durchhaltevermögen und Selbstvertrauen. Ich glaube, dass besonders junge Frauen am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn es nicht immer so einfach haben, um sich zu behaupten. Frauen müssen sich den Respekt vielleicht auch etwas mehr verdienen. Mit Berufserfahrung stellt sich das dann eigentlich von selber ein, weil man sich unter Kollegen und Kolleginnen gegenseitig kennen und schätzen lernt.

Und wovon raten Sie ab?

Stereotypen sind ja nicht komplett falsch oder bloss Vorurteile, und basieren teilweise auf Erfahrung. Frauen entsprechen beispielsweise dem Muster, dass sie kooperativer und konzilianter sind und mehr Einfühlvermögen haben als Männer. Man soll zwar nicht generalisieren, aber als Grundsatz dürfte das oft zutreffen. Ein Irrtum wäre es, solche Eigenschaften als Frau nicht zuzulassen im Glauben, man müsse gewissermassen wie ein typischer Mann auftreten. Das wichtigste ist deshalb, sich selber treu zu bleiben: Man soll sich mehr zutrauen, glauben, dass man guten Job machen kann, so wie man ist – unabhängig von Geschlecht und Verhaltensmustern.

Wie gehen Sie mit Diskriminierung um?

Für mich gilt Null-Toleranz gegenüber ungleicher Behandlung am Arbeitsplatz. Hätte ich den Eindruck, eine Frau würde wegen ihrem Geschlecht anders behandelt, würde ich es ansprechen. Bis heute habe ich aber nie verspürt, dass ich anders behandelt worden bin als Frau – abgesehen vielleicht von einem oder zwei Vorkommnissen ganz zu Beginn meiner Tätigkeit im VBS vor über 20 Jahren. Aber das waren andere Zeiten und es hat sich einiges geändert. Umgekehrt kann ich aber auch gut damit umgehen, dass die meisten in meinem Arbeitsumfeld Männer sind.

Weshalb können Sie damit gut umgehen?

Gut möglich, dass mein nordischer Background ein Vorteil für mich ist. Denn in Finnland, wo ich aufgewachsen bin, ist die Gleichstellung anders ausgeprägt und in der Gesellschaft fest verankert. Es gibt dort beispielsweise viele Frauen im Bereich Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Das Geschlecht ist so gut wie kein Thema.

Haben sich die Karrierechancen von Frauen in der Schweiz verbessert?

Da der Bund die Gleichstellung der Frau vorantreiben will, ist eine Frau bei einer Bewerbung für eine höhere Kaderstelle beim Bund heute vielleicht sogar eher im Vorteil. Aber: Vorurteile sind immer noch vorhanden. Sie können am ehesten abgebaut werden, wenn mit der Zeit so viele Frauen an diesen Positionen sind, dass es nicht mehr auffällt und einfach Normalität ist. Nach wie vor ein grundsätzliches Problem ist, dass Frauen sich oft zwischen Karriere und Familie entscheiden müssen. In Finnland haben Frauen in vergleichbaren Positionen wie ich selbstverständlich Familie und Kinder. Ich habe keine, und Frauen in ähnlichen Positionen wie ich oft auch nicht. In den nordischen Ländern ist es unbestrittene Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass Mütter mit Krippen, mit langem Mutterschaftsurlaub, besseren Wiedereinstiegsbedingungen in die Berufswelt und bei der Aufteilung der Hausarbeit und Kinderbetreuung durch den Elternurlaub unterstützt werden. Diese Dienstleistungen Kosten zwar viel Steuergelder, schaffen aber eine ganz andere Gleichberechtigung. In der Schweiz sind die Rollenvorstellungen anders ausgeprägt.

Sollten sich Frauen untereinander stärker vernetzen?

Früher war ich bei Frauennetzwerken eher zurückhaltend. Das trifft im Grundsatz auch heute zu, aber ich bin gegenüber Einladungen an Vernetzungsanlässe in der Zwischenzeit etwas offener geworden. Es kann durchaus interessant und von Vorteil sein, Erfahrungen mit anderen Frauen innerhalb der Bundesverwaltung auszutauschen. 

Zur Person

Die gebürtige Finnin Pälvi Pulli kam 1991 für einen Sprachaufenthalt in die Schweiz und lernte Ihren zukünftigen Mann kennen. An der Universität Neuchâtel absolvierte sie Geschichte und Englisch im Hauptfach und Politikwissenschaften im Nebenfach. Ihre Abschlussarbeit war insofern ausschlaggebend für Ihre berufliche Laufbahn, weil Sie damals den militärischen Ordnungsdienst und die Mitgestaltung der inneren Sicherheit durch die Schweizer Armee untersucht hatte. Von 1999 bis 2008 arbeitete sie in verschiedenen Funktionen im Bereich Sicherheitspolitik im Generalsekretariat VBS und im Stab Sicherheitsausschuss des Bundesrats. Danach wechselte sie ins Justiz- und Polizeidepartement EJPD. Dort war sie Referentin für Auslandskontakte und Sicherheitspolitik von Bundesrätinnen Eveline Widmer-Schlumpf und Simonetta Sommaruga. 2016 wechselte sie ins Bundesamt für Polizei und wurde Chefin der Abteilung Internationale Beziehungen und Stab sowie stellvertretende Chefin des Direktionsbereichs Internationale Polizeikooperation. Seit April 2018 ist die 49-Jährige Chefin Sicherheitspolitik VBS.

Redaktionelle Mitarbeit an diesem Interview: Kommunikation VBS, Marco Zwahlen

Dieses Interview entstand im Rahmen der Masterarbeit von Rosalyne Marie Reber über folgende Forschungsfrage: «Welche Herausforderungen und Best Practices gibt es bei Frauen in Führungspositionen auf Bundesebene in der Schweiz? »