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Als Frau im Tarnanzug

Wer nimmt schon freiwillig zwei Jahre lang die Strapazen des Militärdienstes auf sich? Céline Seiler zum Beispiel. Und sie würde es wieder tun.

19.11.2020 | Walliser Bote, Nathalie Benelli

Céline Seiler
Céline Seiler konnte im Militär wertvolle Erfahrungen sammeln. Sie würde die Rekrutenschule jedem Mann und jeder Frau empfehlen.

 

Morgens früh um drei Uhr: In der stockdunklen Nacht zeigt das Thermometer Minustemperaturen an. Céline Seiler schiebt Wache. Sie geht stundenlang auf und ab und strengt sich an, wach zu bleiben. Zwischendurch wärmt sie ihre klammen Finger an einem Feuer. Eine Wohlfühloase sieht anders aus. Doch sie ist freiwillig hier. Zwei Jahre lang diente sie in der Schweizer Armee – am Stück. Rückblickend sagt sie: «Klar gab es Momente, die ich nicht so toll fand. Und trotzdem, ich würde diese Erfahrung jedermann und jederfrau empfehlen.»

Der 23-jährige Oberleutnant ist eine zierliche Erscheinung. Auf die Idee, dass diese junge Frau allen Strapazen einer Rekruten- und Offiziersschule standhielt, kommt man nicht aufs Erste. Ihren Militärdienst schildert sie sachlich. Ihre Gedankengänge sind klar und gradlinig. Selbst wenn sie über Grenzerfahrungen spricht, kommen ihre Schilderungen pragmatisch daher. Im Gespräch wird klar, der Militärdienst war ihr Lebensschule. Er hat sie stärker gemacht.

Sie kann sich nicht an einen Zeitpunkt erinnern, an dem sie begann, sich für die Armee zu interessieren. Doch eine Faszination für Panzerfahrzeuge, Armeekonvois und alles militärisch Angehauchte hatte sie schon als Kind. Sie kannte zwar keine Frauen, die Militärdienst leisteten, und dennoch kam bei ihr der Wunsch auf, in die Schweizer Armee einzutreten. So nahm sie an einem Orientierungstag teil.

Freiwillig und interessiert

«Ich war die einzige Frau auf dem Gelände. Inzwischen ist das anders, aber damals hatte ich das Gefühl, dass man nicht auf Frauen vorbereitet war. Während die Jungs alle bereits das Dienstbüchlein und weitere Unterlagen in den Händen hielten, musste ich allen Papieren nachlaufen», erinnert sie sich. Da stand sie dann neben einer Gruppe junger Männer, die überhaupt keine Lust hatten, in die Armee einzutreten und alles daransetzten, Informationen zu erhalten, wie sie dem Militärdienst entkommen könnten. «Die verstanden nicht, dass ich freiwillig da war», sagt die Natischerin und lacht.

Sie aber wollte unbedingt in die Rekrutenschule. «Ich fand es spannend, meine Grenzen kennenzulernen. Wie reagiere ich unter Stress? Wie komme ich mit Schlafmangel zurecht? Wie bewältige ich Herausforderungen, die sonst nie auf mich zukämen? Solche Fragen interessierten mich», erklärt sie ihre Beweggründe. Von ihren Kolleginnen und Kollegen bekam sie in der Zeit einige Sprüche zu hören. «Das machte mir nichts aus. Ich wusste zu kontern», sagt sie dazu gelassen.

«Ich glaube, es gab Männer, die mehr Mühe hatten, sich durchzusetzen als ich»

Seit Herbst 2020 studiert sie an der HES-SO in Siders Soziale Arbeit. «Die Erfahrungen, die ich im Militär gemacht habe, helfen mir im Umgang mit Menschen», ist Céline Seiler überzeugt. Und sie präzisiert: «Das Militär stellt so etwas wie eine Zwangsgemeinschaft dar. Aus allen Ecken der Schweiz treffen Menschen aufeinander. Sie verfügen über einen unterschiedlichen Bildungsstand, haben verschiedene Interessen und Ansichten. Und trotzdem muss man sich zusammenraufen und ein Ziel verfolgen.» Da alle die gleichen Kleider tragen, würden Anhaltspunkte fehlen, anhand derer im Alltag viel zu oft voreilige Urteile gefällt würden. «Man muss auf jeden Einzelnen zugehen, wenn man etwas über ihn herausfinden will», erzählt sie weiter.

Nach der Rekrutenschule entschied sie sich weiterzumachen. Schon bald stand sie als Zugführerin vor Soldaten. Sie sah es als eine Aufgabe, Bedürfnisse und Fähigkeiten Einzelner zu erkennen. «Vorhandene Ressourcen am richtigen Ort einzusetzen ist ein wichtiger Teil der Aufgaben von Führungspersonen», ist der Oberleutnant überzeugt. Probleme, sich Respekt zu verschaffen, hatte sie nie. «Die Soldaten haben in den ersten Tagen zu viel um die Ohren, um sich über etwas wie das Geschlecht der Vorgesetzten Gedanken zu machen. Ich glaube, es gab Männer, die mehr Mühe hatten, sich durchzusetzen als ich», sagt Céline Seiler.

Keine Sonderbehandlung

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Sie verlangte nie nach einer Extrabehandlung. Sie biss sich durch. Egal, ob beim 100-Kilometer-Marsch, bei anstrengenden Übungen im Gelände oder beim Wachtdienst. Im Gegenteil: Als ihr in der Offiziersschule bei einer Verlegung ein Hotelzimmer zur Übernachtung zur Verfügung gestellt wurde, und die männlichen Soldaten in einer unterirdischen Zivilschutzanlage logieren mussten, fand sie das schon ziemlich ungerecht. «Ich ging nicht ins Militär, um in einem Hotel zu übernachten. Ich hätte meinen Schlafsack ebenso in einer kleinen Nebenkammer ausgerollt», zeigt sie sich unkompliziert. Es habe sicher auch Momente gegeben, bei denen sie an ihre körperlichen Grenzen gestossen sei. Einige Male habe auch sie zu sich gesagt: «So ein Seich.» Aber rückblickend erkannte sie, dass es eben doch nicht so ein «Seich» war. Denn sie schätzt die gesammelten Erfahrungen als weit wertvoller ein als die Mühsal, die sie in den 24 Monaten auf sich nahm. Mental fühlte sie sich den Herausforderungen jederzeit gewachsen. Sie wusste sich immer wieder zu motivieren. Zudem habe sie den Zusammenhalt in der Gruppe als ausgesprochen positiv erlebt und viele Freundschaften geschlossen. Hier galt einer für alle und alle für einen oder eben eine für alle und alle für eine.

«Im Nachhinein kann ich sagen, ich würde es noch einmal genauso machen. Ich würde die Rekrutenschule nicht nur Frauen, sondern auch den Männern empfehlen», sagt sie lachend. Die Frage, ob sie eine obligatorische Wehrdienstpflicht für Frauen befürworten würde, kontert sie diplomatisch: «Ich würde als ersten Schritt den Orientierungstag obligatorisch für Frauen und Männer erklären. So wären die Frauen zumindest informiert. Dann könnten sie immer noch frei entscheiden, ob sie sich auf diese Erfahrungen einlassen möchten oder nicht.»

«Viola Amherd ist eine Chefin, die offen für Veränderungen ist. Sie stellt präzise Fragen und hört aufmerksam zu»

Mit Viola Amherd ist eine Frau Chefin des Militärdepartements. Das findet Céline Seiler positiv. Lachend sagt sie: «Und sie ist erst noch eine Walliserin!» Beim Kick-off-Meeting des Vereins «FiT – Frauen im TAZ (Tarnanzug)» nahm die Departementschefin des VBS persönlich teil. «Ich bin Aktuarin und Gründungsmitglied des Vereins. Die Anwesenheit von Viola Amherd war für uns eine Ehre und sehr motivierend», betont sie. Bei der Kick-off-Veranstaltung hatten die militärdienstleistenden Frauen Gelegenheit, ihre Anliegen bei der Departementschefin zu deponieren. «Viola Amherd konnte direkt von Frauen hören, was in unseren Augen funktioniert und wo wir Verbesserungspotenzial orten. Sie ist eine Chefin, die offen für Veränderungen ist.» Viola Amherd habe präzise Fragen gestellt und aufmerksam zugehört. Das haben die «FiT»-Frauen sehr geschätzt. Mit dem Verein «FiT – Frauen im TAZ» will der Vorstand Frauen in der Armee untereinander vernetzen und einen Austausch ermöglichen.

«Alle Frauen sind freiwillig dort und entsprechend motiviert»

Im Jahr 2018 nahmen 280 Frauen die Rekrutenschule in Angriff. Das entspricht bloss 1,35 Prozent sämtlicher Rekruten. Über die letzten Jahre gesehen gibt es einen leichten Aufwärtstrend. Vor zehn Jahren machte der Frauenanteil nur 0,3 Prozent aus. Was auffällt: Frauen übernehmen überproportional Führungsaufgaben. Von den zurzeit in der Armee aktiven Frauen sind mehr als die Hälfte Unteroffizierinnen oder Offizierinnen. Céline Seiler hat eine einfache Erklärung dazu: «Das ist doch klar warum. Alle Frauen sind freiwillig dort und entsprechend motiviert.»

Als Durchdienerin hat sie ihren Militärdienst im November 2019 als Oberleutnant beendet. Den Rücken gekehrt hat sie der Armee dennoch nicht. Es ist ihr ein Anliegen, Frauen im Tarnanzug sichtbarer zu machen. «Je mehr Vorbilder, Role Models, es gibt, umso selbstverständlicher werden Frauen in der Armee.» Céline Seiler ist als Moderatorin an Orientierungstagen der Schweizer Armee tätig. «So verloren, wie ich mir dort vorkam, soll keine Frau mehr sein», sagt sie augenzwinkernd. Inzwischen sei man dort auf Frauen viel besser vorbereitet. Céline Seiler ist Mitglied zweier Offiziersgesellschaften: der Offiziersgesellschaft Oberwallis OGO und der Offiziersgesellschaft der Rettungstruppen ORET. Hier ist sie die erste Frau, die aufgenommen wurde und damit eine Pionierin. Es tut sich was in der Gleichstellung – sogar in der Armee.