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Bundesrätin Amherd und ihr Rezept gegen Hooligans

An der Badminton-WM trifft BLICK die Walliser Bundesrätin Viola Amherd in der Basler St. Jakobshalle. Die Sportministerin fordert den härteren Umgang mit Hooligans – bei Federer oder Russi wird ihr Tonfall weich.

01.09.2019 | Blick

Bundesrätin Viola Amherd
Chefin des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS

Interview: Cécile Klotzbach

Frau Bundesrätin Amherd, sähen Sie denn gerade nicht lieber die Entscheidung beim Eidgenössischen Schwingfest in Zug statt die Badminton-Finals in Basel?

Viola Amherd: Der Bundespräsident vertritt den Bundesrat in Zug – in der Regel braucht es da nicht zwei von uns. Ich gebe dem Badminton gerne etwas mehr Sichtbarkeit. Das ist hierzulande eine Randsportart, dabei ist dies ein fantastischer, sehr professioneller Anlass mit grossartigem sportlichen Niveau und vielen Zuschauern. Ich habe vor allem beim Behindertensport zugeschaut – an dieser WM wird die Para-WM ja erstmals gleichzeitig durchgeführt. Das finde ich toll.

Was für eine Bedeutung haben denn solche internationalen sportlichen Grossanlässe für unser Land?

Sie sind für die Schweiz etwas sehr Positives. Die Menschen reden davon, so kommt der Sport unter die Leute, und das ist eine super Botschaft. Dazu sind Grossanlässe natürlich unglaublich gute Gelegenheiten für die Schweiz, sich international zu präsentieren. Durch die Ausstrahlung im Fernsehen und natürlich vor Ort, wo wir zeigen können, wie gut wir organisieren, dass wir Menschenaufläufe bewältigen, wie gut der öffentliche Verkehr funktioniert und wie sicher unser Land ist.

Leider ist dies im Fussball nicht immer der Fall. Die Gewalt der Hooligans verunsichert die Menschen...

Solche Szenen schaden dem Sport. Darum habe ich den Fussballverband und die Liga für Gespräche eingeladen. Ich habe Verbesserungsvorschläge gemacht und sie haben zugestimmt und versprochen, das in die Hand zu nehmen. Nun hoffe ich, dass die Umsetzung bald erfolgt! Damit es nicht wieder zu Vorfällen wie in den letzten Wochen in Zürich oder Bern kommt. Die sind einfach traurig! Leider hat mein Departement rechtlich keine Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Aber als Sportministerin ist es mir natürlich ein Anliegen, dass wir von echtem Sport reden und nicht von negativen Randgeschichten.

Welche Massnahmen schlagen Sie vor?

Die Zusammenarbeit und Koordination zwischen den Klubs, der Liga und den Behörden muss verbessert werden. Zudem müssen Stadionverbote konsequent erteilt und Zertifizierungen im Sicherheitsbereich geprüft werden. Das funktioniert noch zu wenig und ich habe das dem Schweizer Fussballverband auch mitgeteilt. In der Sommerpause hat der Schweizerische Fussballverband nun seine Sicherheitsrichtlinien angepasst. Chaoten drohen neu Stadionverbote von bis zu zehn Jahren. Ich finde das einen ersten wichtigen Schritt, um der Fangewalt entgegenzuwirken.

Auch Justizministerin Karin Keller-Sutter sagt, es gebe die Gesetze, es hapere aber bei der Anwendung.

Da sind wir uns komplett einig. Ein gesetzeswidriger Unruhestifter hat im Stadion nichts zu suchen. Rechtsstaatliche Prinzipien müssen eingehalten werden, aber es muss viel schneller gehandelt werden. Ich bin überzeugt, dass sich die Situation dann sofort verbessert. Zudem habe ich mit den Fussball-Verantwortlichen abgemacht, dass sie prüfen, das Sicherheitskonzept der Stadien von einer neutralen Stelle zertifizieren zu lassen.

Warum handeln die Klubs bis jetzt so ängstlich?

Die Klubs, die die Massnahmen durchsetzen, haben es bestimmt nicht einfach. Es besteht natürlich eine gewisse Angst, Fans und Zuschauer zu verlieren. Dabei sind diese Schlägertypen für mich keine Fans – die dürfen nicht in ein Stadion kommen!

Sind denn die wirtschaftlichen Interessen zu gross?

Ich verstehe die Angst der Klubs, sie müssen ja dafür sorgen, dass die Stadien voll sind, damit auch die Finanzen stimmen. Aber ich denke, wenn sie sich konsequent und streng durchsetzen, werden sie sogar Zuschauer gewinnen. Nämlich die, die sich heute vor einem Angriff fürchten und kein Stadion mehr betreten. Die friedlichen Fans würden vielleicht wieder vermehrt kommen. Wie hier an der Badminton-WM oder beim Hockey – da ist das ja auch kein Problem.

Wo liegt das Problem beim Fussball?

An den Emotionen liegt es kaum; die sind im Fussball nicht stärker als in anderen Sportarten. Vielmehr haben wir es hier mit Leuten zu tun – nicht Fans –, die Sportanlässe nutzen, um Radau zu machen. Andere Länder haben das in den Griff bekommen. Das müssen wir doch auch können!

Zum Sport allgemein: Die Jugendförderung ist Ihnen eingrosses Anliegen.

Richtig, der Bundesrat hat zugestimmt, dass zum Beispiel die Jugend-und-Sport-Beiträge erhöht und dass Kinder mit Behinderungen besser in Sportkurse integriert werden. Jugend und Sport wächst weniger stark als noch vor ein paar Jahren. Wahrscheinlich, weil das Angebot heute viel grösser ist als früher. Dabei sind gerade Schulsportlager enorm wichtig. Kinder und Jugendliche profitieren nicht nur sportlich davon, sondern auch sozial und menschlich.

Mehr Geld soll ausserdem auch in den Bau von neuen Stadien fliessen.

Ja, mit unserem Projekt NASAK – Nationales Sportanlagenkonzept – unterstützt der Bund schon seit Jahren den Bau von Sportanlagen. Nun hat der Bundesrat beschlossen, dieses Engagement fortzusetzen. Klar ist: Wollen wir den Breiten- und den Spitzensport weiter fördern, müssen wir auch eine gute Infrastruktur schaffen. Das Gesamtkonzept muss stimmen, die Erschliessung für Verkehr, Radfahrer und Fussgänger durchdacht sein. Dann steht auch die Bevölkerung dahinter. Sport wird ja, Gott sei Dank, im ganzen Land mehrheitlich sehr gut aufgenommen.

Was bedeutet Ihnen der Sport persönlich?

Er hatte auch vor meinem heutigen Amt einen hohen Stellenwert, schon als Kind. Mit drei Jahren fuhr ich Ski – was bei uns im Wallis ja normal ist (lacht). In der Mädchenriege machte ich Gymnastik und Leichtathletik. Mit etwa zehn begann ich Tennis zu spielen – später habe ich rund dreissig Jahre mit der gleichen Mannschaft Interclub gespielt.

Auf welchem Niveau haben Sie gespielt?

Jetzt bluffe ich ein wenig: Mit den Jungseniorinnen spielte ich mal Nationalliga C. Selbst war ich R3 klassiert. Heute fehlt mir leider etwas die Zeit. Aber im Winter fahre ich immer noch Ski, das will ich unbedingt beibehalten! Ansonsten wandere ich gerne und versuche, regelmässig ins Fitness zu gehen.

Was war denn Ihr bislang emotionalster Moment im Sport?

Als Zuschauerin sicherlich die Matches von Roger Federer. Dieses Jahr hatte ich die Chance, in Wimbledon dabei zu sein. Dieser Final war am emotionalsten – im Positiven wie auch im Negativen. Ich kann Ihnen sagen, das war schlimm! (Lacht.) Es ging immer einen Schritt vor, dann wieder zurück – es war unglaublich, was die beiden Spieler geleistet haben, mental wie körperlich. Am Ende reichte es Federer leider knapp nicht.

Beeindruckt Sie auch noch ein anderer Sportler in besonderem Masse?

Bernhard Russi habe ich schon immer bewundert. Schon als Kind war ich Fan. Aber ebenso sehr wie seine damaligen sportlichen Leistungen beeindruckt mich sein heutiges Engagement für den Sport und das Berggebiet. Russi managt sein Nach-Sportlerleben sehr gut und setzt sich stark für den Sport ein.

Sie setzen sich auch gerne für Frauen ein. Gibt es Gleichberechtigung im Sport?

Nur in gewissen Sportarten. Im Tennis verdienen sie immerhin gleich viel – zumindest an Preisgeldern, nicht mit der Werbung. Aber wenn ich an die Frauenfussball-WM denke, die eine grosse Aufmerksamkeit hatte und wo nach meinem Verständnis super Fussball gespielt wurde, herrschen immer noch enorme Lohnunterschiede zwischen den Frauen und Männern.