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Interviews, Videos & GastartikelVeröffentlicht am 1. Dezember 2025

«Unsere Stärke liegt in der Kohärenz des Verbundsystems und in der Kultur der Mitverantwortung»

Cyberangriffe, Spionage und Beeinflussungsaktivitäten...Wie steht es um die Sicherheitslage der Schweiz? Und: Welche Schwerpunkte setzt die sicherheitspolitische Strategie der Schweiz? Bundesrat Martin Pfister im Interview mit dem «Bulletin 2025» des Center for Security Studies an der ETH Zürich.

Medienkonferenz Bure

01.12.2025 / Center for Security Studies, ETH Zürich, Andreas Wenger und Daniel Möckli

Herr Bundesrat, die Welt wird rauer, die Schweiz bekam 2025 die Folgen von Machtpolitik direkter zu spüren als üblich. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die Sicherheitspolitik der Schweiz ziehen?
Ja, das hat auch die Schweiz dieses Jahr zu spüren bekommen. Wir sind von ähnlichen Bedrohungen betroffen wie andere europäische Länder, auch wenn wir etwas weniger direkt im Fadenkreuz sind. Die bisherige internationale Ordnung wird zunehmend durch Machtpolitik bestimmt. Konsequenz für die Sicherheitspolitik der Schweiz ist: Wir müssen in diesem Umfeld resilienter und widerstandsfähiger werden, Angriffe besser abwehren können und unsere Verteidigungsfähigkeit stärken. Dies erfordert Bemühungen auf der ganzen Bandbreite der sicherheitspolitischen Instrumente, genau wie die Bedrohungen und Gefahren auch ein breites Spektrum umfassen. Es erfordert auch mehr internationale Kooperation.

Wie beurteilen Sie die Sicherheitslage der Schweiz?
Cyberangriffe, Spionage und Beeinflussungsaktivitäten, etwa durch Desinformation, sind eine tägliche Realität. Auch in der Schweiz stellen wir einige verdächtige Vorfälle mit Drohnen fest. Damit ist die Schweiz auch von der hybriden Konfliktführung betroffen, gegen die wir uns besser wappnen müssen. Gleichzeitig bleiben «altbekannte» Bedrohungen und Gefahren leider weiterhin akut, etwa Terrorismus, Gewaltextremismus, organisierte Kriminalität, die verschärften Folgen des Klimawandels und Gesundheitsrisiken, etwa eine mögliche Pandemie. Von vielen Entwicklungen in unserem Umfeld wäre die Schweiz sehr schnell direkt betroffen, etwa von einer weiteren Eskalation mit Russland.

Von vielen Entwicklungen in unserem Umfeld wäre die Schweiz sehr schnell direkt betroffen, etwa von einer weiteren Eskalation mit Russland.

Manche Stimmen in Europa warnen davor, dass Russland in zwei bis drei Jahren ein NATO-Land angreifen könnte. Die Schweiz äusserte sich hierzu bisher vorsichtiger. Wie ist Ihre Einschätzung?
Die Bedrohungslage Europas hat sich weiter verschlechtert. Dies vor allem aufgrund einiger Entwicklungen, die gleichzeitig stattfinden. Russland ist entschlossen, den Krieg in der Ukraine weiterzuführen und an seinem strategischen Ziel der Wiederherstellung einer Einflusssphäre in Europa festzuhalten. Russland bereitet sich dazu auf eine mögliche Eskalation über die Ukraine hinaus vor und intensiviert hybride Angriffe zur Schwächung und Spaltung Europas. Parallel herrscht zunehmend Unsicherheit über das zukünftige Engagement der USA in Europa. Dies schwächt die NATO-Abschreckung. Während die europäischen Länder zwar entschlossen aufrüsten und sich neu aufstellen, um mehr Verantwortung für die Sicherheit des Kontinents wahrzunehmen, wird dies aber erst in einigen Jahren wirksam. Der Engpass auf dem Rüstungsmarkt verschärft die Situation zusätzlich. In den nächsten Jahren öffnet sich ein Verwundbarkeitsfenster in Europa, das sich per Ende des laufenden Jahrzehnts akzentuiert. Von dieser Lage ist auch die Schweiz betroffen. Sollte sich der bewaffnete Konflikt in unser nahes Umfeld ausweiten, müsste die Schweiz in erster Linie in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen, aber notfalls auch in Kooperation mit ihren Nachbarn, die Mitglieder der NATO und der EU sind.

In den vergangenen Monaten scheint Russland den Zusammenhalt der NATO durch provokative Verletzungen des Luftraums mehrerer Mitgliedstaaten gezielt zu testen. Inwieweit stellt die hybride Konfliktführung Russlands bereits heute eine Herausforderung für die Sicherheit der Schweiz dar?
Diese Drohnenvorfälle und Luftraumverletzungen sind weitere Verletzungen der territorialen Integrität von europäischen Staaten, die NATO-Mitglieder sind. Solche Aktionen können eine militärische Aktion vorbereiten. Sie dienen aber nicht nur militärischen Zielen, sondern sind Teil eines breiteren Spektrums hybrider Angriffsformen, mit denen Moskau die Reaktionsfähigkeit und den Zusammenhalt westlicher Demokratien testet und zu schwächen versucht. Russland setzt diese Form der Konfliktführung auch gegen die Schweiz ein – wenngleich weniger intensiv und weniger offensichtlich als gegen andere europäische Länder. Wir beobachten seit geraumer Zeit eine Zunahme von Spionageaktivitäten, Cyberangriffen und Beeinflussungsversuchen, die vor allem von staatlichen Akteuren wie Russland und China ausgehen. Unsere vernetzte Infrastruktur macht uns anfällig für hybride Angriffe, insbesondere im Cyberraum, aber auch gegenüber Bedrohungen aus der Luft sind wir besonders verwundbar.

Verfügt die Schweiz über den richtigen Werkzeugkasten gegen hybride Konfliktführung oder wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Für unsere Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit sind neue Waffensysteme genauso wichtig wie die Resilienz, der Zusammenhalt unserer Gesellschaft und das Funktionieren unserer kritischen Infrastrukturen. Institutionelle Stabilität und das Vertrauen der Bevölkerung sind also selbst sicherheitspolitische Güter, die wir schützen und stärken müssen. Die Schweiz verfügt in ihrem Werkzeugkasten über die wichtigsten Instrumente – vom Nachrichtendienst des Bundes (NDB) über das Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) bis zu Armee, Bevölkerungsschutz und den Polizeibehörden. Der Werkzeugkasten ist aber klar zu klein. Deshalb haben Bundesrat und Parlament auch eine Erhöhung des Armeebudgets beschlossen. Die Instrumente müssen besser ausgerüstet sein und wirksam zusammenarbeiten. Handlungsbedarf besteht bei der Frühwarnung, zum Beispiel um Beeinflussungsaktivitäten frühzeitig zu erkennen und zu analysieren. Handlungsbedarf besteht auch bei der Resilienz kritischer Infrastrukturen, wo digitale und physische Schutzmassnahmen enger zu verzahnen sind. Und die Sensibilisierung von Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit ist wichtig, etwa durch Übungen und regelmässige und transparente Information des Bundes gegenüber der Bevölkerung.

Der Bundesrat wird erstmals eine Sicherheitspolitische Strategie verabschieden. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit diese Strategie ihren Zweck erfüllt?
Die Sicherheitspolitische Strategie wird die wichtigen globalen Entwicklungen und Bedrohungen, Merkmale und Verwundbarkeiten der Schweiz sowie die Ziele und Massnahmen darlegen, mit denen die Schweiz diesen Entwicklungen begegnen will. Im Zentrum steht das Konzept der umfassenden Sicherheit. Sie umfasst zivile und militärische Mittel und Akteure, und sie bezieht sämtliche für die Sicherheitspolitik relevanten Aspekte der Aussen-, Innen- und Wirtschaftspolitik in ihre Planung und Vorkehrungen ein. Umfassende Sicherheit entsteht, wenn sämtliche Mittel und Akteure aller föderalen Ebenen – Bund, Kantone und Gemeinden – sowie in allen gesellschaftlichen Bereichen – Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft – einbezogen werden und zusammenwirken. Dazu gehört eine politische Diskussion, die kontrovers sein darf und muss: über Ambitionsniveau und Finanzierung, über Prioritäten zwischen Resilienz, Abwehr und Verteidigung oder über die Balance von Kooperation in Europa und sicherheitspolitischer Eigenständigkeit. Sicherheitspolitik ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb ist wichtig, dass die Strategie politisch breit getragen ist, «gelebt» und laufend überprüft und allfällig angepasst wird. Sie ist eine Dachstrategie, die einen übergeordneten Orientierungsrahmen bietet.

Umfassende Sicherheit entsteht, wenn sämtliche Mittel und Akteure aller föderalen Ebenen – Bund, Kantone und Gemeinden – sowie in allen gesellschaftlichen Bereichen – Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft – einbezogen werden und zusammenwirken.

An welchen strategischen Schwerpunkten soll sich die Sicherheitspolitik der Schweiz im kommenden Jahrzehnt orientieren?
Die Schweiz muss gleichzeitig ihre Resilienz, ihre Abwehrfähigkeit und ihre Verteidigungsbereitschaft stärken. Resilienz stärken wir durch Sensibilisierung, Krisenvorsorge und den Schutz kritischer Infrastrukturen. Die Abwehr soll verbessert werden, beispielsweise gegen Cyberangriffe und Desinformation; und auch zum Schutz vor transnationalen Risiken und Bedrohungen der inneren Sicherheit. Um die Verteidigungsfähigkeit zu erhöhen, benötigen wir nebst den genannten Aspekten eine modern ausgerüstete Armee und eine vertiefte Kooperation mit europäischen Partnern. Diese unterschiedlichen Stossrichtungen beschloss der Bundesrat mit den Eckwerten der Strategie bereits im letzten Dezember und sie bilden zusammen ein Ganzes. Sie verbinden innere und äussere Sicherheit mit staatlicher und gesellschaftlicher Verantwortung. In diesem Zusammenspiel liegt die Fähigkeit der Schweiz, auch in einer volatileren Welt möglichst eigenständig und handlungsfähig zu bleiben.

Welche Rolle kommt heute den Kantonen zu für die Sicherheit der Schweiz?
Die Kantone spielen eine zentrale Rolle in der Sicherheitspolitik – das sage ich auch als ehemaliger Regierungsrat. Polizei, Bevölkerungsschutz, Feuerwehr, Sanitätsdienste und zum Teil auch der Bereich Cyber liegen in kantonaler Verantwortung. Das ist die erste Verteidigungslinie, wenn es um Krisenbewältigung, den Schutz kritischer Infrastrukturen und die Wahrung der inneren Ordnung geht. Ihre Nähe zu Bevölkerung, Wirtschaft und Verwaltung ist ein entscheidender Vorteil. Mit einem umfassenden Verständnis von Sicherheit rückt auch die innere Sicherheit stärker in den Fokus der nationalen Sicherheitspolitik. Cybervorfälle, Desinformation oder Störungen der Versorgungsketten zeigen, dass Bedrohungen heute kaum mehr entlang klassischer Zuständigkeitsgrenzen – und Landesgrenzen – verlaufen. Die Sicherheitspolitische Strategie stärkt deshalb diesen Gesamtverbund und ihre Umsetzung soll besser gesteuert und koordiniert werden durch das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (SEPOS).

Wo besteht beim sicherheitspolitischen Instrumentarium für die kommenden Jahre der grösste Anpassungsbedarf?
Zwei Handlungsfelder haben Priorität: die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der Armee und die Abwehr hybrider Bedrohungen. Dies erfordert Bemühungen und Modernisierungen in der ganzen Breite, denn ein möglicher Gegner kann jegliche Schwachstelle ausnutzen, und gewisse Akteure versuchen dies schon heute. Ein Beispiel: Ein neues Waffensystem für die Luftverteidigung ist nur dann wirksam, wenn es von gut ausgebildetem und motiviertem Personal bedient und instandgehalten wird und über ausreichend Munition, Ersatzteile und gesicherte Kommunikationskanäle verfügt. Und es braucht insbesondere ein Luftlagebild, das über die Landesgrenzen hinausreichen muss, damit man zeitgerecht reagieren kann. Dafür braucht es internationale Kooperation. Und auch für den Fall eines Angriffs auf die Schweiz sollte die gemeinsame Luftverteidigung mit Partnern möglich sein. Die Abwehr der hybriden Konfliktführung wiederum erfordert, dass wir unsere Cybersicherheit und den Schutz kritischer Infrastrukturen stärken und dass wir Spionageversuche besser abwehren. Wir müssen zudem ein besseres Verständnis der Lage und Zusammenhänge der Bedrohungen haben. Aktivitäten, welche die Schweiz beeinflussen und unser System und Vertrauen zu unterminieren versuchen, müssen wir besser erkennen und ihnen begegnen.

Zwei Handlungsfelder haben Priorität: die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der Armee und die Abwehr hybrider Bedrohungen.

Und wo ist die Schweiz schon gut aufgestellt heute? Was sind ihre Stärken?
Unsere Stärke liegt in der Kohärenz des Verbundsystems und in der Kultur der Mitverantwortung. Das Milizprinzip, die föderale Organisation und die Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen, Armee, Bevölkerungsschutz, Wirtschaft und Wissenschaft bilden das Rückgrat unserer Sicherheit. Hinzu kommt eine ausgeprägte technologische Kompetenz, insbesondere im Cyberbereich, sowie eine verlässliche internationale Vernetzung, die wir weiter ausbauen. Es ist breit anerkannt, dass die Schweiz im Sicherheitsbereich mit Partnerstaaten zusammenarbeitet, von der Polizei über den Bevölkerungsschutz und die Cybersicherheit bis zur Armee. Dies geschieht in verschiedenen Formaten, die wir weiter ausbauen – weil es die Bedrohungslage erfordert. Gewisse Stärken der Schweiz sind aber auch Quelle von Verwundbarkeit. Unsere offenen politischen Debatten können Ziel von Beeinflussungsversuchen sein. Unsere hochentwickelte Wirtschaft ist von funktionierenden Lieferketten und einem regelbasierten internationalen Handelssystem abhängig. Und unser auf Konsens ausgerichtetes System braucht eine gewisse Zeit, um sich auf neue Lagen auszurichten und Strategien zu entwickeln.

Die Armee arbeitet derzeit an einem Zielbild 2040: Welche Fragen stehen im Vordergrund?
Die Fähigkeitsentwicklung der Armee muss sich laufend den Bedrohungen anpassen. Mit dem Zielbild 2040 geht es darum, auf den rasanten technologischen Fortschritt zu reagieren, der insbesondere bei den Bedrohungen aus der Luft eine grosse Herausforderung darstellt: Drohnen, Lenkwaffen, Marschflugkörper, Hyperschallwaffen. Mit solchen neuen Technologien, wozu auch die Künstliche Intelligenz (KI) zählt, nimmt das Tempo in der Gefechtsführung markant zu. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Vernetzung von Sensoren, Führung und Wirkung, aber auch auf die Organisation der Armee selbst. Diese muss agiler werden.

Was heisst Verteidigungsfähigkeit heute? Wann kann man sagen, dass die Schweiz wieder verteidigungsfähig ist? Und was heisst das auf der Zeitachse im Lichte der bisher vom Parlament gesprochenen Finanzmittel?
Die Verteidigungsfähigkeit ist kein abstrakt messbarer Wert. Sie zeigt sich letztlich und leider erst in der wirklichen Verteidigung. Aber es ist klar, dass eine Voraussetzung dafür die richtige Ausrüstung ist. Wann zumindest ein erster Schritt bei der Vollausrüstung der Armee erreicht werden kann, hängt vom Willen des Parlaments ab.

Die NATO-Staaten wollen die Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent erhöhen, plus 1,5 Prozent für sicherheitsrelevante Bereiche wie Infrastruktur und Resilienz. Die Schweiz berechnet ihre Verteidigungsausgaben anders – die Differenz wird grösser. Sollte die Schweiz den Aufwand in den verteidigungsrelevanten zivilen Bereichen ebenfalls ausweisen?
Es stimmt, dass die Schweiz im Vergleich viel weniger Geld für Sicherheit und Verteidigung einsetzt als die NATO-Länder. Wir haben mit dem Milizsystem verhältnismässig tiefere unmittelbare Personalkosten, was die Vergleichbarkeit erschwert. Wichtig ist, dass die finanziellen Mittel aufgestockt werden, und natürlich, für welche Fähigkeiten man diese Mittel einsetzt. Der Bundesrat und das Parlament haben beschlossen, dass das Budget für die Armee von heute rund 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) auf 1 Prozent steigen sollte.

Militärische Fähigkeiten allein verhindern weder Kriege noch hybride Druckversuche. Ebenso entscheidend sind Resilienz und Wehrbereitschaft einer Gesellschaft. Wie schätzen Sie hier die Situation in der Schweiz ein?
Genau. Wie ich ausgeführt habe, ist nur schon der Einsatz eines bestimmten Waffensystems keine isolierte Aufgabe. Resilienz entsteht nicht von selbst; sie wächst aus der Bereitschaft, Bedrohungen und Risiken zu antizipieren und Verantwortung zu übernehmen, wenn es darauf ankommt. Das gilt für den Staat, aber genauso für die Gesellschaft und die Wirtschaft. In der Schweiz ist das Bewusstsein für Sicherheit vorhanden, aber nicht überall gleich ausgeprägt. Im Dienstsystem etwa sehen wir seit Jahren einen Trend zu steigenden Übertritten in den Zivildienst. Das ist ein Warnsignal, das wir ernst nehmen müssen. Die Wehrpflicht und das Milizsystem sind tragende Elemente unserer Sicherheit und lassen sich nicht einfach durch Technik oder Geld ersetzen. Hier braucht es Massnahmen am Dienstpflichtsystem, aber auch ein Umdenken auf individueller Ebene.

Der Bundesrat will mit seiner Rüstungspolitischen Strategie die verteidigungskritische Industriebasis erhalten und die gesamte Sicherheitsrelevante Technologie- und Industriebasis (STIB) stärken. Was sind die Prioritäten?
Die Rüstungsstrategie des Bundes verfolgt ein klares Ziel: sicherheitsrelevante Schlüsseltechnologien im Land halten und strategische Abhängigkeiten reduzieren. Im Zentrum steht der Erhalt und Ausbau der STIB. Dazu arbeiten das Bundesamt für Rüstung armasuisse und die Armee eng mit der Industrie und der Forschung zusammen und versuchen die Zusammenarbeit auch international zu fördern. Die STIB der Schweiz muss zwingend in internationale Lieferketten integriert sein. Für ein neutrales Land ist dies – auch mit Blick auf das heute geltende Kriegsmaterialgesetz – nicht immer einfach. Priorität haben drei Linien in der Rüstungspolitischen Strategie: erstens die technologische Souveränität zu erhöhen in Bereichen wie Cyberabwehr, Sensorik, Kommunikation und Führungsunterstützung. Zweitens die Kooperationsfähigkeit mit europäischen Partnern, um Interoperabilität und Zugang zu Innovationsnetzwerken zu sichern. Und drittens die Transformation von Innovation in Einsatzfähigkeit, also der rasche Transfer von Forschungsergebnissen in operative Systeme.

Die Sicherheitsrelevante Technologie- und Industriebasis der Schweiz muss zwingend in internationale Lieferketten integriert sein.

Wie schätzen Sie das Potenzial der Zusammenarbeit mit den Hochschulen ein?
Bildung, Forschung und Innovation sind eine der zentralen Ressourcen der Schweiz – auch sicherheitspolitisch. Von der wissenschaftlichen Exzellenz unserer Hochschulen profitieren Nachrichtendienst, Armee und Verwaltung in Bereichen wie Cyberabwehr, Sensorik, Datenanalyse, Krisenantizipation oder Materialwissenschaften unmittelbar. Gleichzeitig trägt die sicherheitsrelevante Forschung dazu bei, Innovation in die zivile Wirtschaft zu übertragen. Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Verwaltung und Industrie ist heute eng, muss aber noch stärker auf die Anforderungen der Knowledge Security ausgerichtet werden – also auf den Schutz sicherheitsrelevanter Forschung vor Spionage, Einflussnahme oder ungewolltem Technologietransfer. Gerade in sensiblen Feldern wie Dual-Use-Technologien oder KI braucht es klare Regeln. Die Schweiz verfügt über hervorragende Voraussetzungen: ein offenes Innovationssystem und international anerkannte und gut finanzierte Hochschulen. Entscheidend ist, diese Stärken mit sicherheitspolitischer Verantwortung zu verbinden, damit die Freiheit der Wissenschaft und die Sicherheit des Landes sich gegenseitig stärken.

In der europäischen Rüstungs- und Verteidigungskooperation bewegt sich viel. Was soll und kann die Schweiz hier beitragen?
Aufgrund der Lageentwicklung ist der Bedarf an bilateraler und multilateraler Kooperation in den letzten Jahren gewachsen und in Europa ist einiges in Bewegung – beschleunigt dadurch, dass das sicherheitspolitische Engagement der USA in Europa abnehmen dürfte. Der Bundesrat hat die Pisten für die Intensivierung der Kooperation konkretisiert und zeigt auf, mit welchen Instrumenten sie im Einklang mit der Neutralität gestaltet werden kann. Der Fokus liegt auf Interoperabilität als Voraussetzung für die Verteidigung gemeinsam mit Partnern. Dazu werden vermehrt Systeme und Prozesse standardisiert, und die Zusammenarbeit in der Forschung und Innovation intensiviert. Auch gemeinsame Ausbildungen, Übungen und Einsätze – etwa im Bereich der militärischen Friedensförderung – sind zentral. Die Schweiz muss auch Beiträge einbringen: Nur wer als solidarischer Partner wahrgenommen wird und selber etwas anbietet, kann in diesen Formaten profitieren und im Angriffsfall gegebenenfalls mit Unterstützung rechnen. Wir prüfen deshalb auch die Beteiligung an neuen Kooperationsformaten, etwa den Abschluss einer Security and Defence Partnership mit der EU.

Der Fokus liegt auf Interoperabilität als Voraussetzung für die Verteidigung gemeinsam mit Partnern.

Und zum Schluss: Sie führen das grösste Departement des Bundes. Welche Führungsprinzipien sind Ihnen besonders wichtig?
Ich will und lebe eine offene und transparente Kommunikation. Sie ist die Grundlage für Vertrauen. Ich erwarte, dass man ehrlich miteinander spricht, auch wenn es mal unbequem ist. Nur so können wir gemeinsam Lösungen finden und uns als Organisation weiterentwickeln. Gute Führung heisst für mich, zuzuhören, sauber zu analysieren, die richtigen Schlüsse zu ziehen, diese klar zu kommunizieren und dann mit dem Wissen aller Meinungen und Positionen die Verantwortung zu übernehmen – füreinander und für das Ganze.