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Interviews, Videos & GastartikelVeröffentlicht am 21. November 2025

«Die Armee muss auf alle Gefahren vorbereitet sein»

Seit April 2025 steht Martin Pfister an der Spitze des VBS. Der Mitte-Bundesrat übernimmt das Departement in einer Zeit, in der die sicherheitspolitischen Risiken zunehmen, die Armee aber noch immer unter Material- und Personalengpässen leidet. Im Interview mit dem «Schweizer Soldat» bezieht er Stellung.

Bundesrat Martin Pfister

20.11.2025 / Schweizer Soldat, Cécile Klusák

Herr Bundesrat, wie stehen Sie zum Service Citoyen?
Martin Pfister: Den Grundgedanken, dass junge Bürgerinnen und Bürger einen Dienst an der Gesellschaft leisten sollen, finde ich eigentlich sehr sympathisch. Aber für die verfassungsmässige Dienstpflicht müssen Armee und Zivilschutz im Zentrum stehen. Eine generelle Dienstpflicht für Männer und Frauen zugunsten der Allgemeinheit und der Umwelt, wie sie die Initiative vorsieht, würde die Anzahl Dienstpflichtigen verdoppeln und damit unsere Wirtschaft zu stark belasten. Und sie hätte hohe Mehrkosten zur Folge. Diese Mittel brauchen wir für die Verteidigungsfähigkeit unserer Armee.

Die Armee beklagt Alimentierungsprobleme. Was tun Sie dagegen?
An der Einführung der Sicherheitsdienstpflicht sind wir dran. Die Umsetzung der Sicherheitsdienstpflicht ist allerdings nicht banal. Glücklicherweise verfügen wir mit dem Bericht zu den verschiedenen Dienstpflichtmodellen vom Januar dieses Jahres über gute Grundlagen.

Und wie schnell soll die Sicherheitsdienstpflicht eingeführt werden?
So schnell wie möglich. Die Armee hat einerseits materiellen Nachholbedarf, aber andererseits eben auch ein Alimentierungsproblem. Um verteidigungsfähig zu sein, müssen wir auch den nötigen Bestand haben. In den nächsten zwei Jahren dürfte der Effektivbestand unter die Marke von 140 000 Armeeangehörigen fallen.

Der Zivildienst steht in Konkurrenz zur Armee, faktisch besteht heute eine Wahlfreiheit. Wie reduzieren Sie die Attraktivität des Zivildienstes?
Das Zivildienstgesetz wird zurzeit angepasst. Das Ziel ist, diese faktische Wahlfreiheit einzuschränken. In den Zivildienst sollen nur Leute eintreten, die aus Gewissengründen keinen Wehrdienst leisten können. Für die Armee hat es eine hohe Priorität, dass wir die ausgebildeten und die eingeteilten Armeeangehörigen bis zum Ende ihrer Dienstzeit in der Armee halten können und sie nicht an den Zivildienst verlieren.

Wie will die Armee den Bestand sicherstellen, wenn Service Citoyen und die Sicherheitsdienstpflicht abgelehnt werden?
Es gibt nicht nur diese beiden Modelle. Wir wollen die Armee schon jetzt mit verschiedenen Massnahmen attraktiver machen und besser in Einklang mit dem beruflichen und zivilen Leben bringen. Und über die Orientierungstage für alle wollen wir zum Beispiel künftig mehr Frauen für die Armee gewinnen. Dazu wird es eine Volksabstimmung geben. Zu bedenken gilt, dass wir beim Zivilschutz heute grössere Alimentierungsprobleme haben als bei der Armee. Auch hier sind Massnahmen in der Umsetzung.

Es sieht nicht nach einem nachhaltigen Frieden in der Ukraine aus.

Viele Experten warnen vor einer Verschärfung der Lage um 2028/29. Teilen Sie diese Einschätzung?
Gegen Ende dieses Jahrzehnts wird die Situation kritischer, diese Einschätzung teile ich. Die Verschlechterung der Lage, die wir fast täglich mitverfolgen können, ist offensichtlich. Wenn wir das militärische Potenzial Russlands anschauen, dürften die genannten Jahre die gefährlichsten werden. Zentral ist dennoch die Frage, wie stark die Ukraine militärische Hilfe erhält, welche Sicherheitsgarantien es geben wird und welche Rolle die USA künftig in Europa spielen. Das alles hat wesentliche Auswirkungen auf die Risken, denen Europa ausgesetzt sein wird. Es sieht jedenfalls nicht nach einem nachhaltigen Frieden in der Ukraine aus.

Verkennt der Bundesrat die Sicherheitslage?
Es stellt sich generell die Frage, ob wir in der Schweiz schon gemerkt haben, wie schwierig die sicherheitspolitische Lage in Europa ist. Man darf das nicht alleine der Politik zum Vorwurf machen. Wir leben nun einmal in einer Welt, in der es uns gut geht und die sicherheitspolitischen Risiken wenig sichtbar sind. Aber Sie haben recht: Wenn man für einen bewaffneten Konflikt gewappnet sein möchte, dann bleibt uns tatsächlich nicht mehr viel Zeit.

Gibt es eine Eventualplanung für den Fall von weiteren Verzögerungen und Problemen bei der Beschaffung von dringend benötigten Luftverteidigungsmitteln?
Es gibt nicht viele Alternativen und keine konkrete Eventualplanung. Wir gehen davon aus, dass wir die bestellten BODLUV-Mittel erhalten werden. Das System Iris-T aus Deutschland wird ergänzt durch das System «Patriot», das aus den USA kommt. Bei der «Patriot» kämpfen wir jetzt darum, dass wir wenigstens für die Ausbildung rechtzeitig ein System erhalten – aber natürlich auch, dass wir für die Verteidigung schnell über die Systeme verfügen. Wir wollen schliesslich auch über grosse Distanzen einsatzbereit sein. Im Bereich der Drohnen ist die Sensibilität bei der Armee, der Ruag und bei Armasuisse sehr hoch. Wir verfügen in der Schweiz auch über viel Drohnen-Knowhow bei Startups oder Hochschulen. Was das neue Kampflugzeug F-35 anbelangt, ist der Bundesrat überzeugt davon, dass wir dieses im Rahmen des sechs Milliarden- Budgets beschaffen müssen. Bis Ende November prüfen wir, welche Varianten es für den Abschluss dieser Beschaffung gibt. Der F-35 ist neben seinen überragenden Fähigkeiten als Kampfflugzeug ein zentraler Sensor in einem ganzen Verbundsystem zur Abwehr von Bedrohungen aus der Luft. Wir werden untersuchen, was es neben diesen durch den Volksentscheid bereitgestellten Mitteln zusätzlich noch braucht. Die Volksabstimmung erfolgte auf der Basis eines Berichtes zur Luftverteidigung, der 2017 erstellt worden ist. Acht Jahre später ist es sicher angebracht, die dort festgehaltenen Aussagen zu überprüfen. Die Luftwaffe ist derzeit damit beauftragt.

Ist Cognitive Warfare – die indirekte Beeinflussung der Bevölkerung durch unterschwellige Manipulationstechniken, etwa via Social Media – ein Thema im Bundesrat?
Ja, der Bundesrat hat im letzten Jahr Massnahmen gegen Beeinflussungsaktivitäten beschlossen. Das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik SEPOS koordiniert aktuell deren Umsetzung.

Beschaffungen dauern Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. In Kriegszeiten sollte dies schneller gehen als heute. Wieso dauert die Beschaffung so lange?
Die Nachfrage nach Rüstungsgütern ist aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage weltweit riesig. Als neutrales Nicht-NATO-Land hat die Schweiz keine Priorität bei den Lieferanten. Da die Lieferfristen lang sind, müssen wir die Armee erst recht nicht nur auf die aktuellen und wahrscheinlichsten Bedrohungen ausrichten, sondern auf alle möglichen. Wenn man in fünf Jahren merkt, dass man etwas braucht, was man vorher nicht auf dem Schirm hatte, ist man nicht in der Lage, es in solch kurzer Zeit zu beschaffen.

Wie lassen sich Rüstungsprozesse effizienter gestalten?
Wichtig ist eine klare Leistungsund Fähigkeitsdefinition in der Anfangsphase. Wenn dies gelingt, können Projekte besser und schneller umgesetzt werden.

Sie haben schon einige Truppenbesuche gemacht: Wo drückt die Truppe der Schuh am meisten?
Ich habe sehr engagierte und gut ausgebildete Soldaten und Kader getroffen. Das gilt ebenso für die Profis, um das auch einmal zu sagen. Ich bin wirklich stolz auf die Truppe. Der Schuh drückt in der Ausrüstung. Wir haben zu wenige und zum Teil sehr alte, fehleranfällige Systeme. Im materiellen Bereich merkt die Truppe auch den Munitionsmangel. Kritik gibt es schliesslich zu den tiefen Personalbeständen in den Wiederholungskursen. Wenn man im Verband üben will, muss man auch ein Verband sein. Wenn nur die halbe Kompanie da ist, kann man nicht das Zusammenwirken in einer Kompanie üben.

Die Armeeführung soll so beschaffen sein, dass beim Übergang in einen Verteidigungsfall keine oder nur eine geringe Reorganisation notwendig ist. Nun haben Sie gerade den neuen Chef der Armee bestimmt. Wird dessen Aufgabenkatalog noch der gleiche sein wie jener des jetzigen CdAs – oder wird er allenfalls auch weniger politisch tätig sein?
Heute ist er noch der gleiche. Aber wir führen darüber eine Diskussion in der Armeeführung. Es wird eine der ersten Aufgaben des neuen CdA sein, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Eine Situation wie 1939, als vom einen Tag auf den anderen in den Krieg gewechselt wurde, wird es nicht mehr geben. Die Schwelle zum Kriegszustand ist heute viel schwieriger zu definieren als einfach mit der Wahl eines Generals durch die Vereinigte Bundesversammlung.

Wie interpretieren Sie Neutralität heute?
Neutralität ist tief in unserer politischen Kultur verankert und ein etabliertes Instrument unserer Aussenpolitik. Sie darf aber keine Ausrede sein, uns nicht selbst zu verteidigen. Wir gehören zur westlichen Wertegemeinschaft und müssen autonom verteidigungsfähig bleiben. Dazu braucht es auch Kooperation, etwa in der Luftverteidigung oder Ausbildung. Entscheidend ist, dass wir letztlich selber über unsere Mittel bestimmen.

Das VBS beschäftigt viele Kommunikationsfachleute – trotzdem wirkt die Informationspolitik zurückhaltend. Warum?
Eine aktive und transparente Kommunikation ist mir wichtig, und wir arbeiten daran. Ich will so das Vertrauen der Bevölkerung in die Armee und das VBS stärken. In Zeiten von Unsicherheiten und Veränderungen ist es schwierig, Orientierung zu bieten. Gleichzeitig ist dies gerade jetzt umso wichtiger. Zudem ist das Vertrauen der Politik und Bevölkerung essentiell, um die benötigten Mittel zu bekommen, damit wir unseren Auftrag ausführen können.