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Interviews, Videos & GastartikelVeröffentlicht am 9. März 2026

«Es besteht die Gefahr, dass es zu Terror kommt»

Verteidigungsminister Martin Pfister zeigt sich besorgt über die Eskalation im Nahen Osten. Im Interview mit der SonntagsZeitung verurteilt er die USA, Israel sowie den Iran – und warnt vor Terroranschlägen in der Schweiz.

08.03.2026 / SonntagsZeitung, Adrian Schmid und Arthur Rutishauser

Herr Pfister, wie schätzen Sie die Weltlage mit dem neuen Krieg im Iran ein?
Martin Pfister: Die Eskalation hat sich in den letzten Wochen abgezeichnet. Trotzdem mache ich mir grosse Sorgen. Neben der Ukraine gibt es nun einen zweiten Kriegsschauplatz, der nicht weit weg von der Schweiz entfernt ist. Es kam schon zu Angriffen auf Zypern und die Türkei. Mich beunruhigt zudem der Umgang mit dem Völkerrecht und der internationalen Ordnung.

Inwiefern?
Der Bundesrat ist der Auffassung, dass der Angriff auf den Iran eine Verletzung des Völkerrechts darstellt.

Warum?
Weil er aus unserer Sicht einen Verstoss gegen das Gewaltverbot darstellt. Wir rufen alle Konfliktparteien auf, die Gewalt einzustellen und die Zivilbevölkerung zu schonen.

Wen sprechen Sie damit konkret an?
Alle beteiligten Länder, die sich nicht an das Gewaltverbot halten.

Also explizit auch Israel und die USA mit Präsident Trump?
Ja, die Amerikaner und Israel haben den Iran aus der Luft angegriffen. Sie haben damit, wie auch der Iran, das Völkerrecht verletzt.

Die Schweiz hat eben noch in Genf Gespräche zwischen dem Iran und den USA ermöglicht, trotzdem konnte der Krieg nicht verhindert werden. Wurden wir für eine Alibiübung missbraucht?
Nein, das glaube ich nicht. Man muss immer versuchen, Konflikte zu verhindern. Es gehört leider zur Realität, dass solche Bemühungen nicht immer ans Ziel führen. Es wird sicher Fälle geben, in denen wir wieder erfolgreicher sein werden.

Hätte die Schweiz etwas besser machen können?
Ich erkenne im Moment keinen Fehler. Die Schweiz hat sich in den letzten Jahren stets bemüht und hielt Kommunikationskanäle zwischen den USA und dem Iran offen. Das hat lange zur Stabilität beigetragen.

Auch im Falle von Venezuela war die Schweiz aktiv, trotzdem haben die USA Präsident Maduro gestürzt und in die USA entführt. Sind unsere Guten Dienste nutzlos geworden?
Wir dürfen jetzt nicht alles schlechtreden und hinterfragen. Die Guten Dienste gehören zur Tradition der Schweiz. Wir waren damit schon oft erfolgreich und werden in Zukunft hoffentlich wieder erfolgreich sein.

Was bedeutet der neue Krieg für unsere Neutralität?
Nichts, denn die gilt ja immer und in jedem Fall. Wir haben bisher keine Entscheide fällen müssen, die den Iran, die USA oder Israel betreffen. Es gab weder Gesuche für Flüge über die Schweiz noch für Kriegsmaterialexporte in die beteiligten Länder.

Aber die USA sind die wichtigste Abnehmerin von Schweizer Rüstungsgütern. Müssen die Ausfuhren nun nicht sofort gestoppt werden?
Das werden das Staatssekretariat für Wirtschaft und der Bundesrat entscheiden, sobald Exportgesuche vorliegen. Bisher gab es keines.

Ich will jetzt aber nicht einen neuen Weltkrieg an die Wand malen.

Die Benzinpreise steigen, der Handel stockt und Raketen fliegen bis in die Türkei und nach Zypern. Wird Europa in diesen Krieg hineingezogen?
Dies kann nicht ausgeschlossen werden. Ich glaube zudem, dass sich der Krieg nicht auf die klassisch militärische Austragung beschränken wird. Im Gegenteil, Europa, und auch die Schweiz, könnte von asymmetrischer Kriegsführung betroffen sein.

Sie meinen Anschläge von islamistischen Terroristen, wie es sie im Zuge des Irakkriegs 2005 und 2006 in Madrid und London gegeben hat, sowie 10 Jahre später in Paris und Nizza?
Ja. Ich hoffe natürlich nicht, dass es so weit kommen wird. Trotzdem ist diese Gefahr leider real. Gegen solche Terroranschläge ist auch die Schweiz nicht gefeit.

Bisher wurden wir von solchen Terroranschlägen verschont. Könnte das diesmal anders sein?
Es besteht die Gefahr, dass es in der Schweiz zu Terroranschlägen kommt. Zudem könnte der Krieg eine Flüchtlingswelle auslösen, die auch uns erreichen wird.

Theoretisch reichen die Raketen der Iraner bis nach Europa. Wie gross ist für uns die Gefahr vor Raketenangriffen?
Ich glaube nicht, dass die Schweiz direkt durch iranische Langstreckenraketen bedroht ist. Kollateralschäden könnte es aber auch bei uns geben.

Meinen Sie die wirtschaftlichen Auswirkungen?
Die Wirtschaft ist auch sicherheitsrelevant. Der Nahe Osten ist immer noch zentral für die Erdölversorgung. Und Erdöl ist immer noch zentral für die wirtschaftliche Dynamik. Es kann Wachstum auslösen, aber auch eine Rezession, wenn die Versorgung gestört ist. Der Erdölmarkt hat zudem grossen Einfluss auf die Inflation. Es bestehen definitiv wirtschaftliche Risiken.

Hat sich die Bedrohungslage aus Schweizer Sicht nochmals zugespitzt?
Der Konflikt im Nahen Osten zeigt, dass die Welt generell unsicherer geworden ist. Die Risiken für politische Konflikte, die mit militärischen Mitteln ausgetragen werden, haben zugenommen. Zudem müssen solche Konflikte nicht zwingend zwischen zwei Ländern entlang ihrer Grenze ausgefochten werden. Auch andere Staaten können hineingezogen werden. Selbst Länder, die gar nichts damit zu tun haben. Zudem spielen Grossmächte eine zentrale Rolle bei der Ausweitung von Konflikten. Das Völkerrecht und internationale Organisationen werden marginalisiert. Das sind alles Muster, die wir seit ein paar Jahren erkennen und die sich jetzt wieder bestätigen, wie schon in der Ukraine.

Bei allem Schrecken blieben die Konflikte bisher regional. Bleibt das so, oder befinden wir uns in der Vorphase eines grossen Krieges?
Wir müssen alles daransetzen, dass es nicht so weit kommt. Das Risiko von Kriegen ist viel höher als noch vor wenigen Jahren. Ich will jetzt aber nicht einen neuen Weltkrieg an die Wand malen. Das wäre in der gegenwärtigen Situation falsch.

Was bedeutet der neue Krieg für den Schutz der Schweizer Bevölkerung?
Wir müssen uns anstrengen, damit wir uns auf allen Ebenen vor Ereignissen schützen können. Sicherheit muss man umfassend anschauen, nicht nur militärisch. Die Armee ist zwar das grösste und teuerste Instrument, das wir haben. Die Polizeikräfte und der Nachrichtendienst spielen aber ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich glaube, dass die Bevölkerung verstehen wird, dass wir dazu mehr Mittel brauchen, um die Situation zu verbessern.

Polizei allein reicht da wohl nicht. Gegen Drohnen und Raketen sind wir praktisch ungeschützt. Ein Versagen der Politik?
Wir machen vieles bereits gut. Ich denke an die Polizei und den Cyberschutz. Viele Firmen nehmen diese Aufgabe ernst. Aber auch im zivilen Bereich haben wir noch Steigerungspotenzial. In der Armee haben wir dank des Milizsystems immer noch Armeeangehörige mit nützlichen Erfahrungen aus dem Privatleben, und die Ausbildung ist gut. Aber uns fehlen die wichtigsten Systeme für den Kriegsfall. Für die Abwehr von Angriffen aus grosser Distanz haben wir momentan nichts.

Auch die Drohnenabwehr ist inexistent, obwohl der Krieg in der Ukraine seit vier Jahren zeigt, wie wichtig diese ist.
Moment, gar nichts haben wir nicht. Dank unserer Forschung und Industrie können wir Beschaffungen schnell ausführen. Das haben wir auch in Angriff genommen. Bei den Drohnen ist es darum am einfachsten, den Schutz rasch zu verbessern.

Wie denn? Unsere Rüstungsindustrie ist praktisch inexistent. Sie produziert kaum mehr in der Schweiz, weil das Kriegsmaterialgesetz die Exporte verbietet.
Das ist ein grosses Problem. Deshalb soll jetzt das Kriegsmaterialgesetz gelockert werden. Das Volk wird voraussichtlich darüber abstimmen. Ein Ja an der Urne wäre wichtig, denn wir brauchen im Inland weiterhin eine Industrie, die auch für andere Länder produzieren kann. Der Schweizer Absatzmarkt allein ist zu klein.

Das alles dauert Monate oder gar Jahre. Was passiert bis dahin bei der Drohnenabwehr?
Es läuft bereits sehr viel. Es gibt neue Strukturen beim Bundesamt für Rüstung und der Armee. Wir haben ein Kompetenzzentrum für Drohnen und Robotik geschaffen sowie eine Taskforce eingesetzt, die auch mit Wissenschaftlern und Unternehmen zusammenarbeitet. Zudem haben wir erste Beschaffungen erfolgreich abgeschlossen. Für den Schutz des G7-Gipfels in Evian im Juni, an dem sich die Armee beteiligt, kommt ein neues Drohnenschutzsystem zum Einsatz.

Selbst die Deutschen haben vor vier Jahren erkannt, dass es eine Zeitenwende gibt, und haben 100 Milliarden Euro investiert. Wir klammern uns an die Schuldenbremse und tun nichts. Hat der Bund beim Militär nicht einfach die Entwicklung verschlafen?
Andere europäische Länder wie Deutschland sind bei der Finanzierung tatsächlich weiter als wir. Die Schweiz investierte lange vor allem in die Ausbildung in der ganzen Breite der militärischen Fähigkeiten. Jetzt passen wir uns den neuen Entwicklungen an und priorisieren die Investitionen neu. Man darf aber nicht vergessen, dass klassische Militärsysteme wie Panzer, Artillerie und Flugzeuge nach wie vor in allen Konflikten eine Rolle spielen. Sonst würde Russland solche Systeme nicht in grossen Stückzahlen produzieren. Dies zeigt, dass wir moderne und klassische Systeme brauchen.

Die Verbündeten des Iran, die Huthi-Milizen, flogen vom Jemen aus schon 2019 Drohnenangriffe auf Saudiarabien, die in einer Entfernung von 1300 Kilometern grossen Schaden anrichteten. Die Schweiz hätte doch da reagieren müssen.
Ich gebe Ihnen recht. Man hat die Bedrohungslage in den letzten Jahrzehnten unterschätzt und sieht jetzt allmählich ein, dass man reagieren muss. Unsere perfektionierte Gesellschaft mit ihrem Wohlstand ist in der täglichen Wahrnehmung immer noch weit weg von den gegenwärtigen Konflikten.

Ändert das jetzt, da selbst die Influencer plötzlich merken, dass sie nicht mehr gefahrlos in die Ferien nach Dubai jetten können?
Dieser Krieg, so schlimm er ist, könnte auch hierzulande ein Umdenken in Gang setzen, das dringend notwendig ist.

Was sagen Sie zur Erwartung, dass der Bund die Touristen in Gefahrensituationen sofort von den Ferien nach Hause holt?
Das Aussendepartement publiziert zu jedem Land Risikoeinschätzungen. Ich rate dringend, die zu lesen. Wenn Personen freiwillig an einen gefährlichen Ort reisen, können sie nicht erwarten, dass sie rasch vom Staat gerettet werden. Der Bund hat selbst keine Flugzeuge, um unsere Bürgerinnen und Bürger in dieser grossen Zahl auszufliegen. Wir sind auf die Mitarbeit von zivilen Fluggesellschaften angewiesen, oder im schlimmsten Fall auf Partnerstaaten. Das ist nun in Zusammenarbeit mit der Swiss geschehen.

Die F-35 und Patriot-Systeme sind zwingend für den Schutz unseres Luftraums.

Rüstung ist teuer. Sie wollen unser Sicherheitsproblem mit einer temporären Mehrwertsteuererhöhung lösen. Die Idee stösst auf grosse Ablehnung, gerade bei den Bürgerlichen. Warum halten Sie an dieser «Hochrisikostrategie» fest?
Der Bundesrat steht in der Pflicht, Lösungen vorzuschlagen. Es wäre schlecht, wenn er dies in der gegenwärtigen Situation nicht tun würde. Um die dringend benötigten Investitionen in die Sicherheit zu finanzieren, gibt es drei Möglichkeiten: die Schuldenbremse lösen und Schulden machen, sparen oder die Steuern erhöhen. Die erste Variante rührt an einem Tabu, die zweite ist im erforderlichen Umfang nicht umsetzbar. Deshalb ist der Bundesrat zum Schluss gekommen, dass eine Erhöhung der Mehrwertsteuer am zielführendsten ist. Ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung das verstehen und der Vorlage am Schluss zustimmen wird.

Die GLP fordert die Einführung einer Vermögenssteuer auf Bundesebene, die nur die Reichen treffen würde und die Armee finanzieren könnte. Ist das für Sie keine valable Alternative?
Wir führen jetzt erst einmal eine Vernehmlassung zur Erhöhung der Mehrwertsteuer durch.

Nochmals: Sie stammen selbst aus einem Kanton, in dem viele Reiche leben. Sind sie darum gegen eine Vermögenssteuer?
Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, um die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit zu finanzieren. Der Bundesrat hat seinen Vorschlag eingebracht. Jetzt ist es noch zu früh, um andere Varianten zu kommentieren.

Sie fordern mehr Geld von der Bevölkerung. Gleichzeitig halten Sie aber an den milliardenteuren Kampfjets und Luftabwehrraketen aus den USA fest, obwohl deren Beschaffung einem Debakel gleicht. Ist das nicht ein Widerspruch?
Nein, wir brauchen die F-35 und Patriot-Systeme zwingend für den Schutz unseres. Die USA waren bis vor kurzem ein verlässlicher Partner. Die Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten stets gute Erfahrungen mit Rüstungskäufen in den USA gemacht. Beim F-35A ist die Beschaffung als solche auf Kurs. Beim Patriot-System haben wir nun reagiert. Wir prüfen ein zusätzliches System für die Abwehr von Bedrohungen aus der Luft aus grosser Distanz.

Sie wollen ein europäisches System kaufen. Warum keines aus Israel? Dort gibt es mit dem Iron Dome einen erprobten Abwehrschirm.
Wir werden alle Optionen prüfen. Für uns steht allerdings eine europäische Lösung im Vordergrund. Das ist auch im Sinne der neuen Rüstungsstrategie, die der Bundesrat im letzten Jahr beschlossen hat.

Sie könnten ganz aus den Beschaffungen aus den USA aussteigen. Tun Sie das nicht, weil die Rüstungskäufe Teil des Zolldeals sind?
Ich kann Ihnen versichern, dass es im Moment absolut keine Verbindung zwischen der Zolldiskussion und dem Kauf von Rüstungsgütern in den USA gibt.

Die USA könnten so das Handelsdefizit gegenüber der Schweiz reduzieren.
Nicht wirklich. Die Menge der Schweizer Rüstungskäufe in den USA ist derart klein, dass sie in der Handelsbilanz vernachlässigbar ist.

Wenn das stimmt, warum prüfen Sie keine Alternativen zur F-35? Es gibt auch Billigjets.
Das könnte man sich überlegen, aber ganz billig sind diese auch nicht.

Na ja, die F-35 kosten uns 200 Millionen Franken pro Stück, Österreich kauft in Italien bei Leonard M- 346-Jets für 80 Millionen Euro pro Stück.
Eben. Ausserdem muss man sehen, dass der Betrieb von zwei Flotten deutlich teurer ist, als wenn wir nur die F-35 haben. Wir gehen davon aus, dass wir jetzt mit dem Zusatzkredit 30 F-35 beschaffen können. Aus meiner Sicht war dies der letzte Entscheid des Bundesrats zu dieser Beschaffung. Im Rahmen der Armeebotschaft wird das Parlament darüber befinden, und danach geht es an die Umsetzung.

Die meisten Nato-Staaten setzen auf die F-35. Und die funktionieren nur, wenn wir Nato-Satelliten benützen. Treten wir mit den Fliegern nicht de facto der Nato bei?
Es gibt tatsächlich kein Flugzeug, das in Europa mehr verbreitet ist als die F-35. Mit der Beschaffung der F-35 steigern wir die Zusammenarbeit mit der Nato. Als kleines Land kommen wir bei der Luftabwehr nicht darum herum, mit unseren Nachbarländern zusammenzuarbeiten. Ein Beitritt ist jedoch keine Option – wir sind und bleiben neutral.

Was haben eigentlich die Nachbarländer davon, mit der Schweiz zu kooperieren?
Wir können zum Beispiel Luftlagebilder aus der Schweiz anbieten.

Hmm …
… und wenn wir die Sicherheit in der Schweiz erhöhen, leisten wir auch einen Beitrag zur Sicherheit in Europa. Das ist auch im Interesse der anderen Staaten.

Das ist doch lächerlich. Der US-Botschafter prägte das Bild mit der Schweiz als Loch im Donut des europäischen Sicherheitssystems. Die Nato-Staaten müssen auf Geheiss von Trump 5 Prozent ihrer Wirtschaft für Rüstung aufwenden. Sie wollen 1 Prozent des BIP für die Armee einsetzen, und die Finanzministerin droht bereits mit der Schuldenbremse …
Das stösst häufig auf Unverständnis. Ich muss meinen Kollegen in den anderen Ländern oft erklären, was die Gründe dafür sind. Zudem sage ich ihnen, dass wir immerhin bemüht sind, unsere Verteidigungsausgaben zu erhöhen.

Gibt es keinen Druck der USA oder aus Europa, das zu ändern?

Nein.