«Wir müssen den Schutz und die Verteidigungsfähigkeit umfassend erhöhen»
Martin Pfister zeigt sich nach dem Vorfall mit russischen Drohnen in Polen besorgt. Die Schweiz könnte heute einen solchen Angriff nicht abwehren, so der Chef VBS im Interview mit der Sonntagszeitung.
14.09.2025 / SonntagsZeitung, Adrian Schmid
Herr Pfister, waren Sie überrascht, als Sie vom Drohnenangriff hörten?
Martin Pfister: Nicht unbedingt, als Chef des Verteidigungsdepartements verfolge ich die sich verschlechternde Lage eng. Dass Polen so massiv betroffen war, ist aber schon eine neue Dimension, obwohl es sich um ein bekanntes Muster handelt.
Inwiefern?
Die Drohnenangriffe kann man in die hybride Konfliktführung Russlands einordnen. Diese ist vielfältig. Das Durchtrennen von Kommunikationskabeln in der Ostsee gehört ebenso dazu wie die erhöhte Spionagetätigkeit oder die Beeinflussung von Wahlen in gewissen Ländern. Dazu kommen Cyberangriffe. Betroffen sind nicht nur die Ukraine und andere Nachbarstaaten Russlands, sondern auch die Schweiz.
Wie denn?
Hierzulande sind es vor allem die Cyberangriffe, die wir zu spüren bekommen.
Hat Russland mit dem Eindringen in den polnischen Luftraum eine rote Linie überschritten?
Es ist eine Verletzung der territorialen Integrität eines europäischen Staates, der Nato-Mitglied ist. Die Reaktionen zeigen, dass die europäischen Staaten diese Bedrohung sehr ernst nehmen und mit solchen Aktionen das Risiko einer Eskalation steigt.
Unsere Luftverteidigung könnte ein solches Eindringen von Drohnen nicht abwehren.
Welche Auswirkungen hat der Angriff auf die Schweiz?
Im Moment sehe ich keine konkreten Auswirkungen. Es zeigt sich aber, wie labil die Situation in Europa ist. Die Sicherheit Europas ist über die Ukraine hinaus bedroht. Die Nachrichtendienste weisen schon länger darauf hin, dass sich die Bedrohungslage verschärft hat und es weiterhin tut.
Machen Sie sich Sorgen?
Ja. Experten weisen auf das steigende Risiko einer Eskalation hin. Die Frage ist, wann und wie genau das passieren kann. Hybride Konfliktführung kann auch für weitergehende militärische Massnahmen vorbereiten. Es besteht das Risiko, dass die Sicherheit in der Schweiz in den nächsten fünf Jahren viel stärker bedroht wird, als wir uns das heute vorstellen.
Ist ein Angriff mit Raketen oder Drohnen, wie ihn jetzt Polen erlebt hat, bei uns auch möglich?
Zurzeit ist das Risiko eines solchen Eindringens in den Luftraum der Schweiz nicht sehr wahrscheinlich, schon wegen unserer geografischen Lage. Wir müssen uns aber auf solche Szenarien vorbereiten: Drohnen können für Einschüchterung, Aufklärung und Sabotage und von nicht staatlichen Akteuren eingesetzt werden.
Was ist in dieser Situation zu tun?
Wir müssen den Schutz und die Verteidigungsfähigkeit umfassend erhöhen. Die Armee ist das zentrale Element. Wichtige Rollen spielen aber auch der Nachrichtendienst, die Cyberabwehr und der Bevölkerungsschutz. Das Parlament hat bereits beschlossen, das Armeebudget bis 2032 zu erhöhen. Das ist ein wichtiges Zeichen.
Braucht es noch mehr Mittel?
Wir prüfen laufend, was wir für unsere Sicherheit prioritär brauchen und was das kostet. Das Ziel muss eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit sein. Als Teil davon müssen wir die Zusammenarbeit mit unseren Nachbarländern ausbauen. Drohnen können wir zum Beispiel wirksamer bekämpfen, wenn sie früh und weit vor unseren Landesgrenzen entdeckt werden.
Wie weit sollte die Kooperation gehen?
Möglichst weit, aber nur so weit, dass wir am Ende immer noch selbst entscheiden können, wie wir unsere Mittel einsetzen. Das muss das Gebot eines neutralen Landes sein, das nicht der Nato angehört und neutralitätsrechtliche Verpflichtungen einzuhalten hat.
Was würde passieren, wenn es einen Angriff auf die Schweiz wie in Polen gäbe?
Unsere Luftverteidigung könnte Stand heute ein solches Eindringen von Drohnen nicht abwehren.
Tatsächlich?
Wir haben zwar Luftabwehrsysteme, um Drohnen aus kurzer Distanz abzuschiessen, aber nicht lückenlos. Uns fehlen zudem Systeme mit mittlerer und längerer Reichweite. Das Parlament hat die Beschaffungen beschlossen, wir warten jedoch auf die Auslieferung. Insbesondere beim Patriot-System gibt es bekanntlich Verzögerungen.
Was ist mit den F/A-18? In Polen kamen auch Kampfjets zum Einsatz.
Sie können solche Drohnen nicht erkennen und bekämpfen. Schon die Leistung des Radars reicht dafür nicht aus. Die F-35 hingegen verfügen über moderne Sensoren. Es waren F-35, die in Polen Drohnen abgeschossen haben. Wir brauchen jetzt sehr schnell neue, funktionsfähige Kampfflugzeuge.
Wirklich? Die ETH-Sicherheitsexpertin Gorana Grgic sagt, dass Kampfjets wie die F-35 und die F-16 zu teuer seien, um Schwärme russischer Drohnen abzuwehren. Es müsse ein kostengünstiges Luftabwehrsystem entwickelt werden.
Ich teile diese Analyse. Es wäre in der Tat zu teuer, allein mit F-35 Drohnen zu bekämpfen. Aber diese Kampfjets können auch viel mehr, zumal die Bedrohungsszenarien vielfältig sind. Den besten Schutz haben wir, wenn wir ein Gesamtsystem aufbauen, bei dem Kampfjets, Boden-Luft-Raketen und Anti-Drohnen-Systeme im Verbund arbeiten.
Man hat aber den Eindruck, dass die Armee gerade die Drohnenproblematik verschlafen hat.
Ich bin zu wenig lang im Amt, um das abschliessend beurteilen zu können. Klar ist, dass Drohnen ein sich rasch entwickelndes Phänomen auf Kriegsschauplätzen sind. Heute sind wir sehr aktiv. Die Armee hat ein Drohnenkommando, Armasuisse beschäftigt sich intensiv mit der Thematik, unser Rüstungskonzern Ruag ebenfalls.
Die Sicherheit Europas ist über die Ukraine hinaus bedroht.
Trotzdem hat die Armee keine Kamikazedrohnen, die in der Ukraine eine wichtige Rolle spielen. Unsere Drohnen müssen sogar von Helikoptern begleitet werden und dürfen bei Nebel nicht fliegen.
Bitte verwechseln Sie nicht Angriffs- und Aufklärungsdrohnen. Wir überlegen uns Verschiedenes. Es bringt aber nichts, unsere Lager mit verschiedenen Drohnen aufzufüllen, die schon bald technisch überholt sind. Die Entwicklung ist rasant. Viel wichtiger ist es, die Armeeangehörigen gut auszubilden und die technologische Entwicklung zu verfolgen, damit wir auf dem neuesten Stand sind. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass wir im Ernstfall die nötigen Drohnen in grösseren Stückzahlen im In- und Ausland besorgen können.

