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MitteilungVeröffentlicht am 4. September 2026

«Sicherheit kostet. Zu spätes Handeln kann noch teurer werden»

Wie begegnet die Schweiz, wie begegnet das VBS der veränderten sicherheitspolitischen Lage? In seiner Rede am 29. August 2026 am wissenschaftlichen Anlass des Zentralfests 2026 des Schweizerischen Studentenvereins zeigt Generalsekretär VBS Daniel Büchel die Massnahmen auf.

Generalsekretär VBS

Sehr geehrter Herr Zentralpräsident
Sehr geehrter Herr OK-Präsident
Geschätzte Aktive
Geschätzte Altdamen und Altherren
Sehr geehrte Damen und Herren

Wer an einem Samstagmorgen um Viertel vor zehn am Zentralfest einen wissenschaftlichen Anlass besucht, beweist bereits zwei sicherheitspolitisch wichtige Eigenschaften. Lagebewusstsein und Durchhaltefähigkeit.

Ich freue mich, heute hier in Brig zu sein. Brig ist ein besonders geeigneter Ort, um über die Sicherheit der Schweiz zu sprechen. Hier am Fuss des Simplons wird sichtbar, was unser Land seit Jahrhunderten prägt.

Die Alpen schützen uns. Und der Pass verbindet uns. Die Schweiz war nie eine Festung ausserhalb Europas. Menschen, Waren, Energie, Daten und politische Entwicklungen überwinden Gebirge. Heute schneller denn je. Die Schweiz ist militärisch neutral. Sie ist geografisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch aber nicht neutral gelegen.

Das ist der Ausgangspunkt meiner Ausführungen.

Die Frage, die ich an diesem wissenschaftlichen Anlass gerne aufgreifen möchte, lautet, wie die Schweiz der veränderten sicherheitspolitischen Lage begegnet.

Meine Antwort lautet wie folgt.

Die Schweiz muss ihre Handlungsfähigkeit in einer unsicheren Welt sichern. Dafür verringert sie Verwundbarkeiten, stärkt Schutz und Abwehr und richtet ihre Armee wieder konsequent auf die Verteidigung aus. Sie muss sich möglichst eigenständig schützen und zugleich mit Partnern zusammenarbeiten können.

Diese Antwort klingt einfach. Ihre Umsetzung ist es nicht.

Denn wir erleben derzeit eine sicherheitspolitische Zäsur, nicht nur eine weitere Krise.

Die Veränderungen

Was genau hat sich verändert?

Die erste Veränderung betrifft die internationale Ordnung.

Russland führt einen Angriffskrieg gegen einen europäischen Staat. China baut seinen Einfluss aus. Autoritäre Staaten arbeiten enger zusammen. In sicherheitspolitischen Kreisen wird von «CRINK» gesprochen – einer informellen Allianz von China, Russland, Iran und Nordkorea – aktuell sichtbar sowohl im Mittleren Osten, als auch in Russland. Nordkoreanische Truppen in der Ukraine, russische Unterstützung für Iran, etc.

Wirtschaftlicher Druck und vor allem auch militärische Gewalt werden wieder selbstverständlicher als Mittel der Politik eingesetzt. Und internationale Konflikte können nicht mehr isoliert voneinander betrachtet werden. Das Völkerrecht bleibt gültig, aber seine Durchsetzung wird schwieriger.

Gerade die Schweiz ist darauf angewiesen, dass Recht vor Macht gilt. Eine Welt, in der das Recht an Bedeutung verliert, ist für uns eine gefährlichere Welt.

Die zweite Veränderung betrifft die Grenze zwischen Krieg und Frieden.

Ein Konflikt beginnt heute nicht zwingend mit Panzern an der Landesgrenze. Er kann mit einem Cyberangriff, einer Desinformationskampagne, einem Sabotageakt, wirtschaftlicher Erpressung oder gezielter Spionage beginnen.

Ein Gegner muss unser Territorium nicht besetzen, um uns zu schaden. Es kann genügen, unsere Stromversorgung zu stören, Kommunikationssysteme zu beeinträchtigen, gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen oder das Vertrauen in staatliche Institutionen zu untergraben.

Damit verschiebt sich der sicherheitspolitische Prüfstein. Neben dem Schutz der Grenze rückt die staatliche Handlungsfähigkeit ins Zentrum.

Solche hybriden Aktivitäten finden bereits heute in Europa und auch in der Schweiz statt. Das Agieren in der Grauzone erschwert die Zuordnung. Häufig werden kriminelle Gruppen, lokale Akteure oder andere Stellvertreter eingesetzt. Der Staat, der dahintersteht, kann seine Verantwortung abstreiten und gleichzeitig die Kosten für den angegriffenen Staat erhöhen.

Hinzu kommt eine neue Form der Beeinflussung: Desinformation richtet sich längst nicht mehr nur an Menschen. Millionen digitaler Texte können gezielt produziert werden, um die Datenbasis künstlicher Intelligenz zu manipulieren. Was heute als Propaganda verbreitet wird, kann morgen von einem System als vermeintlich gesichertes Wissen wiedergegeben werden. Auch die technologische Infrastruktur unserer Meinungsbildung wird damit zum sicherheitspolitischen Raum.

Die Schweiz befindet sich nicht in einem bewaffneten Konflikt. Sie ist dennoch bereits heute mit Mitteln konfrontiert, die zur modernen Konfliktführung gehören. Die klare Grenze zwischen innerer und äusserer Sicherheit, zwischen ziviler und militärischer Bedrohung, wird damit zunehmend unscharf.

Die dritte Veränderung betrifft die Kriegführung selbst.

Der moderne Krieg ist digitaler und vernetzter. Künstliche Intelligenz verkürzt die Zeit zwischen Erkennen und Wirken. Sensoren machen das Gefechtsfeld transparenter. Gleichzeitig ist der moderne Krieg wieder industriell. Drohnen können in grosser Zahl produziert werden. Und eine einzige günstige Drohne kann eine millionenteure Abwehrreaktion auslösen.

Streitkräfte brauchen deshalb Munition, Ersatzteile, Logistik, Energie und Produktionskapazitäten. Auch Anpassungsfähigkeit wird zur Kernkompetenz. Wo sich Verfahren innert Monaten verändern, geraten jahrelange Beschaffungsprozesse unter Druck.

Wer sich nicht bewegt, wird bewegt.

Die vierte Veränderung betrifft die transatlantischen Beziehungen.

Die Vereinigten Staaten bleiben für Europas Sicherheit und besonders für die nukleare Abschreckung unverzichtbar. Gleichzeitig erwarten sie mehr europäische Eigenverantwortung und richten ihre strategische Aufmerksamkeit stärker auf den indopazifischen Raum.

Europa investiert mehr, baut Kapazitäten auf und schliesst Fähigkeitslücken. Das transatlantische Fundament wird dadurch ergänzt, auf absehbare Zeit aber nicht ersetzt.

Für die Schweiz folgt daraus ein nüchterner Auftrag. Wir müssen wissen, welche Fähigkeiten wir selbst brauchen, wo Zusammenarbeit notwendig ist und welchen Beitrag unsere Partner von uns erwarten dürfen.

Die fünfte Veränderung betrifft unsere eigene Betroffenheit.

Häufig wird gefragt, wer die Schweiz überhaupt direkt angreifen sollte.

Deutschland? Frankreich? Österreich?

Natürlich nicht. Das sind unsere Partner und Freunde.

Aber die Frage greift zu kurz.

Bei einer militärischen Eskalation in Europa wäre die Schweiz möglicherweise nicht Frontstaat. Sie wäre aber Teil des rückwärtigen Raums.

Im rückwärtigen Raum befinden sich jene Infrastrukturen, die Staaten, Gesellschaften und Streitkräfte funktionsfähig halten. Energieversorgung, Verkehrswege, Datenzentren, Kommunikationsnetze und Führungsanlagen. Die Erfahrungen heutiger Kriege zeigen, wie gezielt solche Knotenpunkte angegriffen werden.

Die Schweiz ist in einem solchen Szenario relevant, weil durch unser Land wichtige europäische Verbindungen verlaufen. Wir sind ein Knotenpunkt für Strom, Verkehr, Finanzströme und Daten.

Nehmen wir den Stern von Laufenburg. Dort treffen zentrale Verbindungen des europäischen Stromnetzes zusammen. Ein Angriff aus der Distanz könnte Teile der Schweiz beeinträchtigen und zugleich Folgen für die europäische Stromversorgung entfalten.

Ein solcher Angriff müsste nicht einmal primär gegen die Schweiz gerichtet sein. Unser Land könnte getroffen werden, weil seine Infrastruktur für Europa wichtig ist.

Unsere Vernetzung ist eine Quelle unseres Wohlstands. Sie ist aber zugleich eine Quelle unserer Verwundbarkeit.

Wir leben nicht auf einer Insel der Glückseligen. Die Sicherheit der Schweiz und die Sicherheit Europas lassen sich nicht voneinander trennen.

Bei der Analyse unserer Bedrohung hilft eine einfache Unterscheidung. Eine Bedrohung entsteht aus dem Zusammenspiel von Potenzial, Absicht und Opportunitäten.

  • Das Potenzial lässt sich beobachten. Wir sehen militärische Fähigkeiten, Produktionskapazitäten und Aufrüstung.
  • Die Absicht ist schwieriger zu beurteilen. Sie kann sich durch einen politischen Wechsel oder eine Eskalation rasch verändern.
  • Opportunitäten entstehen dort, wo ein möglicher Gegner auf Verwundbarkeiten, Abhängigkeiten und mangelnde Vorbereitung trifft.

Sicherheitspolitik muss deshalb weiter blicken als auf die Absicht von heute. Sie muss Fähigkeiten, mögliche Entwicklungen und unsere eigenen Angriffsflächen zusammen beurteilen.

Und dabei dürfen wir den Zeithorizont nicht vergessen: die Rüstungsgüter, die heute in Europa bestellt und beschafft werden, bestimmen das militärische Potential auf unserem Kontinent auf die nächsten Jahrzehnte hinaus. Umgekehrt folgt daraus: was wir heute nicht bestellen und beschaffen, wird uns auf Jahre hinaus fehlen.

Aus diesen fünf Veränderungen ergeben sich drei strategische Antworten:

  • 1. Wir müssen unsere Resilienz stärken, also Verwundbarkeiten verringern und auch in einer Krise handlungsfähig bleiben.
  • 2. Wir müssen Schutz und Abwehr verbessern, also Cyberangriffe, Spionage, Sabotage und andere Bedrohungen früher erkennen, verhindern oder in ihrer Wirkung begrenzen.
  • 3. Und wir müssen unsere Verteidigungsfähigkeit erhöhen, damit wir uns im Fall eines bewaffneten Angriffs auch militärisch verteidigen können.

Sicherheit als umfassende Aufgabe

Genau diese drei Antworten bilden den Kern der Sicherheitspolitischen Strategie 2026. Die Strategie soll noch in diesem Herbst durch den Bundesrat verabschiedet werden.

Sie bildet das Dach über den sicherheitspolitischen Instrumenten und verbindet zivile, militärische, staatliche und private Akteure. Nicht, weil plötzlich alles Sicherheitspolitik wäre. Sondern, weil moderne Bedrohungen die herkömmlichen Zuständigkeitsgrenzen überschreiten.

Eine Armee kann keine Stromversorgung ersetzen.

Eine Polizei kann keine ballistischen Flugkörper abwehren.

Und der Staat kann kritische Infrastrukturen nicht schützen, wenn ihre privaten Betreiber nicht vorbereitet und einbezogen sind.

Umfassende Sicherheit verlangt deshalb klare Zuständigkeiten, ein gemeinsames Lageverständnis und eingeübte Zusammenarbeit.

Die drei Antworten von vorhin werden in der Strategie zu drei Stossrichtungen:

Die erste ist die Stärkung der Resilienz.

Ein resilientes Land hält schwere Störungen aus, ohne dass seine zentralen Funktionen brechen. Stromversorgung, Kommunikation und staatliche Führung müssen auch unter Belastung funktionieren. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, sich anzupassen und nach einer Krise rasch zu erholen.

Die zweite Stossrichtung ist die Verbesserung von Schutz und Abwehr.

Angriffe müssen früher erkannt, möglichst verhindert und wirksam bekämpft werden. Das gilt für Cyberangriffe, Spionage, Sabotage und Angriffe auf kritische Infrastrukturen.

Die dritte Stossrichtung ist die Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit.

Wird militärische Gewalt gegen unser Land und seine Bevölkerung eingesetzt, muss die Schweiz handeln können. Möglichst aus eigener Kraft und, falls erforderlich, gemeinsam mit Partnern.

Diese drei Stossrichtungen greifen ineinander. Resilienz mindert die Wirkung eines Angriffs. Schutz und Abwehr erschweren ihn. Verteidigungsfähigkeit begegnet der militärischen Eskalation. Entscheidend ist das Tempo.

Eine Bedrohung kann sich innerhalb weniger Monate verschärfen. Luftverteidigung, ausgebildetes Personal, Munitionsbestände und eine belastbare Führungsstruktur entstehen dagegen über Jahre.

Wer mit der Vorbereitung wartet, bis die Gefahr offensichtlich ist, hat bereits zu lange gewartet.

Die Sicherheitspolitische Strategie gibt dafür den übergeordneten Rahmen vor. Gleichzeitig richtet der Bundesrat auch die einzelnen Instrumente und Politikbereiche auf die veränderte Lage aus.

Für die Rüstungspolitik hat er eine neue rüstungspolitische Strategie beschlossen. Auch für den Cyberbereich bestehen mit der nationalen Cyberstrategie eigene strategische Grundlagen. Eine Leitlinie für den Bevölkerungsschutz wird derzeit ausgearbeitet. Und mit der Revision des Nachrichtendienstgesetzes werden auch die rechtlichen Grundlagen für den Nachrichtendienst weiterentwickelt.

Damit wird die Sicherheitspolitische Strategie Schritt für Schritt konkretisiert. Für die Armee geschieht dies mit den Leitlinien des Bundesrates für die Verteidigung.

Die Leitlinien für die Verteidigung

Die Leitlinien übertragen die sicherheitspolitische Gesamtstrategie auf die Armee. Der Bundesrat hat sie vor der Sommerpause beschlossen.

Die Leitlinien setzen drei klare Akzente.

Erstens wird die Verteidigung des Landes und seiner Bevölkerung wieder zum bestimmenden Massstab der Armeeentwicklung.

Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurde die Verteidigungsfähigkeit während Jahrzehnten reduziert. Die Armee konzentrierte sich stärker auf Ausbildung und subsidiäre Einsätze. Im damaligen Umfeld war dies nachvollziehbar.

Heute ist die Lage eine andere. Unsere Ausbildungsarmee muss wieder zu einer einsatz- und verteidigungsfähigen Armee werden.

Was bedeutet das in der Praxis?

Im Ausbildungsalltag fällt eine materielle Lücke nicht sofort auf. Material kann nacheinander zugeteilt werden. Der Wiederholungskurs findet statt und der Dienstbetrieb funktioniert.

Im Ernstfall genügt das nicht. Dann müssen die Verbände gleichzeitig ausgerüstet, geführt und eingesetzt werden können.

Genau hier verläuft die Grenze zwischen einer Armee, die ihren Ausbildungsbetrieb sicherstellt, und einer Armee, die verteidigungsfähig ist.

Zweitens wird die Armee prioritär auf die wahrscheinlichsten Bedrohungen ausgerichtet.

Hybride Aktionen und Angriffe aus der Distanz stehen im Vordergrund. Ein umfassender Angriff auf die Schweiz bleibt weniger wahrscheinlich, hätte aber die schwersten Folgen.

Die Armee arbeitet deshalb mit zwei Horizonten.

Sie stärkt heute jene Fähigkeiten, die gegen die wahrscheinlichsten Bedrohungen wirken. Gleichzeitig müssen wir die Grundlage erhalten, um bei einer weiteren Verschlechterung der Lage auch einem umfassenden Angriff begegnen zu können.

Drittens verlangt Verteidigungsfähigkeit klare Führung, hohe Bereitschaft, technologische Anpassungsfähigkeit und Durchhaltefähigkeit.

Eine Krise ist der falsche Zeitpunkt, um Zuständigkeiten neu auszuhandeln. Die Armee braucht rasch verfügbare Formationen und eine funktionierende Mobilmachung.

Doch schnelles Einrücken allein genügt nicht. Eine Truppe ohne genügend Munition, Ersatzteile, Treibstoff und sichere Kommunikation ist nur auf dem Papier bereit.

Zugleich muss sich die Armee rascher an die technologische Entwicklung anpassen. Dazu gehören Luft- und Drohnenabwehr, Aufklärung, sichere Führungssysteme sowie Fähigkeiten im Cyberraum und in der elektronischen Kriegführung.

Neue Technologien müssen kontrolliert, aber rascher erprobt werden. Was sich bewährt, muss schneller in die Truppe gelangen. Was scheitert, darf nicht jahrelang Ressourcen binden.

Mit diesen drei Akzenten geben die Leitlinien die Richtung vor und richten die Armee wieder konsequent auf ihre Verteidigungsfähigkeit aus. Schlanke Führungsstrukturen, eine durchgängige Führung aller Einsätze und ein Fokus auf moderne Technologien wie Drohnen und Robotik sind das Herzstück dieser Neuausrichtung der Armee.

Kooperationsfähigkeit

Verteidigungsfähigkeit hat auch eine internationale Dimension.

Moderne Bedrohungen machen an der Landesgrenze nicht halt. Das gilt für Cyberangriffe ebenso wie für Bedrohungen aus der Luft oder Angriffe mit weitreichenden Wirkmitteln.

Deshalb gehört internationale Kooperation zu einer glaubwürdigen Verteidigungsfähigkeit.

Nehmen wir die Luftverteidigung. Entscheidend ist, eine Bedrohung möglichst früh zu erkennen. Dafür ist ein möglichst umfassendes Luftlagebild wichtig. Der Austausch von Luftlagedaten mit unseren Partnern erweitert dieses Lagebild und verschafft im Ernstfall wertvolle Zeit.

Dasselbe Prinzip gilt auch in anderen Bereichen. Gemeinsame Übungen schaffen Vertrauen in Verfahren. Gemeinsame Standards ermöglichen, dass Systeme miteinander funktionieren. Der Austausch von Informationen verbessert die Lagebeurteilung.

Kooperationsfähigkeit entsteht dabei nicht erst in der Krise. Sie muss vorher aufgebaut, technisch vorbereitet und regelmässig geübt werden.

Für die Schweiz geht es deshalb darum, ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken und gleichzeitig dort anschlussfähig zu sein, wo Zusammenarbeit unsere Verteidigungsfähigkeit erhöht.

Eigene Fähigkeiten schaffen Handlungsfähigkeit und Kooperation erweitert diese.

Von der Strategie zur Fähigkeit

Strategien und Leitlinien sind notwendig. Doch Papier verteidigt kein Land.

Entscheidend ist nun, ob daraus reale Fähigkeiten entstehen.

Dafür braucht es drei Voraussetzungen:

  • 1. Erstens die notwendigen finanziellen Mittel.
  • 2. Zweitens eine leistungsfähige industrielle und technologische Basis.
  • 3. Und drittens genügend Menschen, die bereit und fähig sind, Verantwortung zu übernehmen.

Beginnen wir mit der Finanzierung.

Sicherheit kostet. Zu spätes Handeln kann noch teurer werden.

Die Armee muss Prioritäten setzen und Projekte besser führen. Doch selbst eine effizientere Armee kann fehlende Fähigkeiten nicht herbeisparen. Veraltete Systeme müssen ersetzt, Lücken geschlossen und Bestände erhöht werden.

Hinzu kommt ein angespannter internationaler Rüstungsmarkt. Preise sind stark gestiegen, Lieferfristen werden länger und bei grossen Beschaffungen müssen erhebliche Anzahlungen geleistet werden. Wer zu spät bestellt, riskiert deshalb höhere Kosten und länger bestehende Schutzlücken.

Der Bundesrat hat darauf reagiert. Er will die zusätzlichen Mittel für den Fähigkeitsaufbau mit einer befristeten Erhöhung der Mehrwertsteuer finanzieren. Die zusätzlichen Einnahmen sollen gezielt in die Rüstungsausgaben der Armee fliessen.

Zusätzliche Mittel verpflichten das VBS zugleich zu klaren Prioritäten, professioneller Projektführung und Transparenz.

Denn eine Armee mit anspruchsvollen Aufträgen und unzureichenden Mitteln wird zur Fassade. Ein Potemkinsches Dorf.

Der Bundesrat hat in den vergangenen Monaten die Grundlagen geschaffen, damit das Parlament demnächst über die Finanzierung der Armee und damit über die Aufstellung unserer Landesverteidigung entscheiden kann. Mit den erwähnten Leitlinien zur Verteidigung besteht eine politisch-strategische Absicht zur Ausrichtung unserer Armee, mit der dazu gehörigen Rüstungsplanung haben wir Transparenz geschaffen, welche Beschaffungen notwendig sind, Stand heute, um diese Verteidigungsfähigkeit zu erreichen. Und nun legen wir mit der zeitlich begrenzten Mehrwehrsteuererhöhung und der Schaffung eines Rüstungsfonds einen konkreten Vorschlag auf den Tisch, wie diese Stärkung unserer Verteidigung finanziert werden kann. Nun hat das Parlament das Zepter und die notwendigen Grundlagen in der Hand!

Die zweite Voraussetzung betrifft die industrielle Basis.

Die Schweiz wird nie alle sicherheitsrelevanten Systeme selbst herstellen. Bei kritischen Technologien vollständig vom Ausland abhängig zu sein, wäre aber fahrlässig.

Eine eigene industrielle Basis sichert Fachwissen, Wartung und Weiterentwicklung. Wer an europäischen Programmen teilhaben will, muss zudem selbst etwas einbringen.

Dafür braucht die Industrie Zugang zu Märkten und verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen. Genau dieses Ziel verfolgt der Bundesrat in seiner rüstungspolitischen Strategie, welche letzten Sommer verabschiedet wurde und, wie die erwähnten Leitlinien, als Teilstrategie unterhalb der Sicherheitspolitischen Strategie zu verstehen ist.

Die dritte Voraussetzung betrifft das Personal.

Material allein schafft keine Verteidigungsfähigkeit. Wir brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen und im Ernstfall bereitstehen.

Das Milizsystem verbindet Armee und Gesellschaft. Es trägt ziviles Wissen in die Armee und militärische Erfahrung zurück in die Gesellschaft.

Doch es funktioniert nicht von selbst. Die Bestände stehen unter Druck. Wir brauchen deshalb ein Dienstpflichtsystem, das den sicherheitspolitischen Bedarf abdeckt.

Hinter allen Organisationsmodellen steht eine grundsätzliche Frage: Was sind wir bereit, für die Sicherheit unseres Gemeinwesens zu leisten?

Sicherheit entsteht durch staatliche Fähigkeiten und gesellschaftliche Bereitschaft. Der Staat ist, was wir gemeinsam zu leisten bereit sind.

Was das VBS tut

Ich komme zurück zur Ausgangsfrage: Was tut die Schweiz, und was tut das VBS?

  • Erstens schafft die Sicherheitspolitische Strategie eine gemeinsame staatliche Orientierung. Sie verbindet Resilienz, Schutz und Abwehr sowie Verteidigungsfähigkeit zu einer umfassenden Antwort.
  • Zweitens richten die Leitlinien die Armee konsequent auf ihre Verteidigungsfähigkeit aus. Sie priorisieren die wahrscheinlichsten Bedrohungen, ohne den umfassenden Angriff aus der Planung zu verdrängen.
  • Drittens schaffen wir die personellen, industriellen, finanziellen und internationalen Voraussetzungen, damit aus strategischen Entscheiden reale Fähigkeiten entstehen.

Die Schweiz reagiert damit nicht mit einem einzelnen Rüstungsprogramm auf eine einzelne Krise. Sie richtet ihre Sicherheitspolitik als Ganzes neu aus.

Wir wissen nicht genau, wohin sich die internationale Lage entwickelt. Aber wir wissen, was wir wollen:

Eine freie, unabhängige und sichere Schweiz. Eine Schweiz, die ihre Bevölkerung, ihre Institutionen und ihre Infrastruktur schützt, möglichst eigenständig handelt und zugleich eine verlässliche europäische Partnerin ist.

Geschätzte Damen und Herren

Sicherheit zeigt sich im entscheidenden Moment.

Dann, wenn Strom ausfällt, Systeme angegriffen werden oder militärischer Druck entsteht.

Dann zählt, ob Institutionen entscheiden, Organisationen handeln und Menschen Verantwortung übernehmen können.

Wir können die nächste Krise nicht vorhersagen. Verantwortungsvolle Sicherheitspolitik schafft deshalb Handlungsfähigkeit unter Ungewissheit. Das verlangt Investitionen, Kooperation, Anpassungsbereitschaft und eine Gesellschaft, die Sicherheit als gemeinsame Aufgabe versteht.

Gerade an einem wissenschaftlichen Anlass möchte ich mit einem Gedanken zur öffentlichen Debatte schliessen.

Sicherheitspolitik braucht Kritik, offenen Widerspruch und eine sorgfältige Prüfung staatlicher Entscheidungen.

Meinungsverschiedenheiten sind das Salz der Demokratie. Chronische Polarisierung dagegen ist Gift.

Eine Demokratie muss streiten können, ohne ihre Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln zu verlieren.

Verantwortungsvolle Kritik prüft die vorgeschlagene Lösung. Sie benennt Alternativen, wägt deren Risiken ab und übernimmt Verantwortung für die Konsequenzen.

Die Schweiz braucht kritische Köpfe. Aber sie braucht ebenso Menschen, die nach der Analyse entscheiden und nach dem Entscheid Verantwortung tragen.

Denn die Sicherheit unseres Landes ist eine gemeinsame Aufgabe.

Der Staat ist, was wir gemeinsam zu leisten bereit sind.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und für Ihre Bereitschaft, sich für die Sicherheit und damit für den Erfolg unseres Landes einzusetzen.