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«Ausbreitung der Feuer stellte für die lokale Bevölkerung eine grosse Gefahr dar»

Seit Mittwochmorgen steht die Schweizer Luftwaffe mit Super Pumas bei der Waldbrandbekämpfung in den Kantonen Tessin und Graubünden im Grosseinsatz. Luftwaffen-Kommandant Aldo C. Schellenberg im Interview.

29.12.2016 | Kommunikation Verteidigung

Chef Luftwaffe

Die Luftwaffe ist seit Mittwochmorgen im Feuerlöscheinsatz. Was für eine Situation wurde vor Ort angetroffen?

KKdt Aldo C. Schellenberg: Die Ausbreitung der Feuer, begünstigt durch starke Winde in den Einsatzräumen, stellte für die lokale Bevölkerung eine grosse Bedrohung und Gefahr dar. Es ist selbstverständlich, dass bei solchen Situationen die Armee – und in diesem Fall die Luftwaffe – hilft. Dafür sind wir da. Die Koordination der Löscharbeiten innerhalb der Luftwaffe, aber auch mit den Feuerwehrkommandanten vor Ort und mit den zivilen Helikoptercrews verlief sehr ruhig und strukturiert.

Wie lange dauerte es, bis die Luftwaffe nach dem Hilferuf des Kantons im Einsatz stand?

Am vergangenen Dienstag um 19 Uhr wurde die Luftwaffen-Einsatzzentrale vom Kanton Graubünden angefragt, ob die Luftwaffe im Misox bei Soazza mit Helikoptern die Brandbekämpfung unterstützen könnte. Parallel dazu erreichte uns eine weitere Anfrage von der Territorialregion 3 (Ter Reg 3), ob wir in der Leventina bei Chironico die lokale Feuerwehr bei der Brandbekämpfung unterstützen könnten. Die Luftwaffe hat daraufhin sofort entschieden, die Militärflugplätze Alpnach und Dübendorf zu aktivieren und möglichst viele Mittel bereitzustellen. Hinzu kam die logistische Unterstützung durch den Militärflugplatz Locarno. Knapp 14 Stunden nach Eingang der Anfrage vom Dienstagabend war die Luftwaffe im Löscheinsatz.

Wie ging es dann weiter?

Während der Nacht auf Mittwoch wurden die Einsatzdetails mit den zuständigen Stellen vor Ort abgesprochen, die Pikettorganisation des Air Operation Center der Luftwaffe hochgefahren und die Crews für den Einsatz aufgeboten. Am Mittwoch startete um 7.30 Uhr der erste Helikopter in Richtung Misox. Die Koordination wurde in Zusammenarbeit mit den lokalen Feuerwehr- und Polizeikräften abgesprochen und organisiert. In Chironico und Soazza wurden Betankungsplätze eingerichtet, was ein enormer Zeitgewinn bei den Löscharbeiten bedeutete.

Wie muss man sich das genau vorstellen. Stehen bei der Luftwaffe jeweils Pikettelemente in Bereitschaft um solche Unterstützungsleistungen zu erbringen?

Die Luftwaffe betreibt ihre Einsatzzentrale rund um die Uhr und hat verschiedene Pikettstellungen für Personensuche, Katastrophenhilfe, Lufttransport und Luftpolizeidienst, welche kombiniert werden können. Aus früheren Erfahrungen wussten wir, dass die Bereitstellung weiterer Mittel Sinn macht, und dies hat sich als richtig erwiesen. Ich möchte aber betonen, dass dies nur dank der hohen Einsatzbereitschaft der Mitarbeitenden der Luftwaffe funktioniert. Sechs der sich inzwischen im Einsatz befindenden sieben Helikopter wurden ausserhalb der Pikettstellung aufgeboten. Viele Mitarbeiter haben geplante private Abmachungen verschoben oder abgesagt und haben sich freiwillig und spontan zum Einsatz gemeldet. Weiter muss festgehalten werden, dass die schnelle Reaktion nicht nur deshalb, sondern auch dank der etablierten und sehr guten Kontakte zu unseren Partnern im Sicherheitsverbund Schweiz möglich war.

Welche Herausforderungen stellen sich dem Helikopterpiloten bei einem solchen Einsatz?

Diese Art Einsätze beansprucht nicht nur die Helikopterpiloten, sondern die Luftwaffe als Gesamtsystem. Damit ein Helikopter effektiv und effizient einen Brand bekämpfen kann, braucht es eine intakte Organisation vor Ort. Das beinhaltet die Einweisung am Boden, definierte Funkfrequenzen und Separationen, Zisternen für die Betankung und ein Kommandoposten Front der Polizei oder der Feuerwehr etc. Fliegerisch ist die Waldbrandbekämpfung sehr anspruchsvoll. Vor allem im Gebirge und engen Tälern wie dies im Misox oder in der Leventina der Fall ist. Die starken Winde und die sich verändernde Wettersituation muss permanenten durch die Crew zusätzlich beurteilt werden. Zusätzlich ist die Kabelsituation vor Ort genau zu beachten und eine zusätzliche Herausforderung. Das Anhängen und Füllen des Löschwasserbehälter muss zwischen dem Piloten und dem Mechaniker blind funktionieren. Die Löschwasserbecken wurden durch die Feuerwehr vor Ort aufgestellt. Dies bedingte zusätzliche Absprachen.

Trainiert die Luftwaffe solche Einsätze regelmässig oder ist es ein Routineeinsatz?

Waldbrandbekämpfung ist für die Crews nie Routine. Die Piloten müssen sich immer an eine neue Umgebung, Wind und Wetter, Intensität von Feuer und Rauch sowie die Koordination mit weiteren zivilen Mitteln anpassen. Waldbrandbekämpfung und Unterstützung zu Gunsten der zivilen Behörden kann leider nur relativ selten trainiert werden. Im Einsatz zeigt sich, speziell jetzt im Misox, dass nur schnell reagiert werden kann, wenn die Leute sich kennen und bereits schon zusammen gearbeitet haben. KKK - in der Krise Köpfen kennen - ist entscheidend und muss gepflegt werden.

Wie viele Angehörige – Piloten, Bodencrew etc. – sind für einen solchen Einsatz nötig?

Der Schlüssel zum Erfolg ist die schnelle Reaktion und Lagebeurteilung nach dem Eingang der Anfrage. Bei der Waldbrandbekämpfung muss möglichst schnell eine grosse Anzahl Mittel in den Einsatzraum verschoben werden um möglichst rasch Wasser auf die Feuer- und Glutstellen werfen zu können. Die topografische Situation limitiert die Anzahl der Helikopter. Je nach Einsatzraum machen mehr als zwei, drei Helikopter keinen Sinn. Zudem sind oft auch zivile Helikopter in die Löschaktion eingebunden. Wie viele Personen nötig sind, hängt von den eingesetzten Mitteln ab. Der Einsatz von sieben Super Puma – wie heute Donnerstag – setzt die Verfügbarkeit von rund 40 bis 50 Personen voraus - Crewmitglieder, Planung, Administration, Unterhalt und Instandhaltung, skyguide / ILS.

Kommen solche Waldbrandeinsätze öfter vor?

Leider kommen Waldbrände immer wieder vor. Und in unzugänglichen Gebieten sind Helikopter oft das einzige wirksame ‚Löschmittel‘. Die Löscheinsätze vermitteln den Involvierten Befriedigung, sich hier nützlich machen zu können und den Kantonen und der Bevölkerung zu helfen. Für solche Einsätze sind wir ja auch da.

Müssen Sie sich eventuell auch auf einen Einsatz an Silvester einstellen?

Wenn es nötig ist, wird die Luftwaffe auch an Silvester für weitere oder diesen Einsatz bereit sein. Die Durchhaltefähigkeit wird dann allerdings ein Thema werden. Die Lage vor Ort und die Brandentwicklung muss von den lokalen Spezialisten beurteilt werden. Personell und Materiell ist die Luftwaffe bereit, über eine längere Zeit zu unterstützen. Der Entscheid erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Feuerwehr, Polizei, Piloten und Loadmaster für den jeweiligen Folgetag. Die Luftwaffe ist dank einer flachen Hierarchie und der Koordination solcher Einsätze auf der Einsatzführungslinie sowie der hohen Einsatzmotivation der Mitarbeitenden in der Lage, schnell zu reagieren. Das zeigt sich im Moment im Tessin und im Kanton Graubünden.