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«Spätestens im Final kann ich für nichts mehr garantieren»

Vor der anstehenden Frauen-Fussball-Euro traf Blick Sportministerin Viola Amherd zum Gespräch. Die Walliserin über ihre Grümpelturnier-Karriere, das Recht auf gleiche Bezahlung und ihre Haltung zu hohen Transfersummen.

26.06.2022 | Sonntagsblick

Bundesrätin Viola Amherd, Chefin des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS. Foto: VBS/DDPS, André Scheidegger

 

Interview: Steffi Buchli, Emanuel Gisi

Frau Amherd, in zwei Wochen steht die Schweizer Frauenfussball-Nationalmannschaft bei der Euro in England im Einsatz. Was trauen Sie dem Team zu?
Viel! Die Frauen sind gut trainiert, motiviert, und mit einer guten Mannschaftsleistung können sie weit kommen. Ich habe gesehen, dass der Trainer seine Mannschaft nicht nur aufgrund von Fähigkeiten auf dem Platz ausgewählt hat, sondern auch aufgrund von Charaktereigenschaften. Das ist wichtig für den Teamspirit. So entstehen Erfolge!

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Berührungspunkt mit Frauenfussball?
Das war eine traurige Angelegenheit (schmunzelt). Als Primarschülerin hätte ich gerne «getschuttet». Ich mochte Ballspiele ganz allgemein. Fussball, das hätte mich gereizt. Aber ich hatte keine Chance! Als «Meitja» (Mädchen, Anm. d. Red.) war es damals nicht möglich, Fussball in einem Klub zu spielen, das durften nur die «Büebe». Ich hatte mich dann für Tennis entschieden, was mir auch gut gefallen hat.

Wie bitter. Sie mussten sich den Gepflogenheiten fügen.
Immerhin haben wir für Grümpelturniere jeweils eine Frauenmannschaft zusammengestellt und dann gegen andere Frauen gespielt. Aber ich hätte doch zu gerne in einem richtigen Klub gespielt.

Seither hat sich viel verändert.
Ja, klar, heute hat der Fussballklub meines Heimatorts ein Frauenteam. Es ist selbstverständlich, dass auch die «Meitje» Fussball spielen dürfen. Wäre ich nochmals jung, wäre klar, dass ich da dabei wäre.

Diese Woche konnte der Schweizerische Fussballverband Positives verkünden: Die Frauen erhalten neu vom Sponsor gleich viel Prämiengeld wie die Männer. Ist das Recht auf gleiche Bezahlung im Sport durchsetzbar und sinnvoll?
Wir müssen auf dieses Ziel hinarbeiten, auf jeden Fall. Der Schritt mit den Prämien ist ein wichtiges Signal, dass man Leistungen honoriert, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Das ist wichtig und richtig! Aber es braucht noch mehr Sponsoringbeiträge und Werbegelder, die in den Frauensport fliessen. Wir sind noch nicht am Ziel.

Das lässt sich an einem Beispiel gut aufzeigen: Die Uefa zahlt den Männern 9,5 Millionen Franken Startgeld bei einer Euro, den Frauen 600 000 Franken.
Ja, «äbe». Das verstehe ich nicht. Wir haben noch einiges zu tun!

Im Vergleich zu anderen Sportarten ist die finanzielle Situation der Frauen im Fussball ganz okay. Es gibt einen Ligasponsor, die Klubs haben Partner und so weiter. Es geht etwas. Ganz allgemein spürt man im Frauensport eine Aufbruchstimmung. Was fehlt noch?
Von allem ein bisschen. Marketing- und Werbegelder habe ich schon angesprochen. Aber auch die Medien müssen ihren Teil dazu beitragen. Die Frauen-Meisterschaften sollten gleich abgedeckt werden wie die Männer-Wettbewerbe. Es hätte sofort einen Einfluss auf die Bedeutung des Frauensports, wenn die Sportlerinnen und ihre Leistungen prominenter abgebildet werden und nicht mehr ein Nischendasein fristen. Auch kleine Schritte sind wichtig, wenn zum Beispiel am Sonntag in der «Tagesschau» auch die Tabelle der Frauen-Super-League gezeigt würde. Das ist doch total einfach und nicht sehr aufwendig.

Die Schweiz bemüht sich um die EM-Austragung 2025. Was würde ein solches Heimturnier auslösen?
Das wäre eine tolle Sache. Man kann sich international präsentieren – als Land und als Organisatorin eines Grossanlasses. Und natürlich wäre das super für den Frauen- und Mädchenfussball. Das wäre ein richtiger Booster!

EM 2025 in der Schweiz wäre ein richtiger Booster

Verlassen wir den Fussball für einen Augenblick. Aufgrund von Missständen im Turnsport wurde auf Ihre Initiative hin zu Beginn dieses Jahres die unabhängige Meldestelle für Missbrauchsopfer im Sport ins Leben gerufen. Wie präsentiert sich die Halbjahresbilanz?
Wir sind auf gutem Weg im Bereich Ethik im Sport. Wenn solche Missstände bekannt werden, wie die im Turnsport, dann gibt es einen lauten Aufschrei. Man geht aber viel zu schnell wieder zur Tagesordnung über.

Das wollten Sie nach Bekanntwerden verhindern ...
Genau. Deshalb haben wir diesen ausführlichen Bericht in Auftrag gegeben. Er war breit angelegt und wurde über 800 Seiten dick. Ich wollte nicht einfach nur rückwärtsschauen und Schuldige suchen. Es ist genauso wichtig, dass man geeignete Massnahmen trifft, dass solche Dinge in der Zukunft möglichst nicht mehr passieren, das betrifft das ganze Sportsystem. Und daraus ist dann auch die Meldestelle entstanden.

Wie viele Menschen haben sich in den ersten sechs Monaten bei dieser Stelle gemeldet?
Die Meldestelle ist unabhängig von uns. Sie hat mitgeteilt, dass sich im Durchschnitt eine Person pro Tag meldet.

Das ist ein hoher Wert...
Das stimmt. Zum Glück sind nicht alle Meldungen besonders schwere Fälle. Trotzdem ist es wichtig, eine niederschwellige Meldestelle anzubieten. Lieber eine Meldung zu viel als eine zu wenig. Früher gab es bei einzelnen Verbänden bereits solche Stellen. Da traute sich aber kaum eine Athletin oder ein Athlet, sich zu melden. Aus lauter Angst vor Repression. Das darf nicht sein. Auch deshalb macht unser heutiges Set-up mit dieser unabhängigen Meldestelle Sinn. Zudem sind wir daran, die rechtliche Grundlage zu schaffen, um finanzielle Kürzungen der Subventionen durchzusetzen, wenn die ethischen Grundsätze nicht eingehalten werden.

Der Bund hat Sportklubs, Athletinnen und Verbände in der Pandemie mit Hilfskrediten und A-fonds-perdu-Beiträgen unterstützt. Wie geht es dem Schweizer Sport in diesen Tagen finanziell?
Es hat sich gezeigt: Die gesprochenen Gelder, ob A-fonds-perdu-Beiträge oder Kredite, waren substanziell. Der Sport hat es so geschafft, seine Strukturen zu behalten. Das waren existenzielle Fragen, speziell für den Breitensport. Wie stellt man sicher, dass ein Turnier oder ein Lauf, der jahrelang stattgefunden hatte, nach der Pandemie wieder durchgeführt werden kann? Da waren diese Zahlungen sehr hilfreich. Die Situation ist aber immer noch angespannt. Viele Vereine kämpfen mit einem Mitgliederschwund. Auch freiwillige Helfer fehlen. Wir wollen zusammen mit Swiss Olympic nach wie vor Unterstützung bieten.

Im Zuge der Pandemie wurde im Profisport vielerorts «die neue Bescheidenheit» ausgerufen. In diesen Tagen überschlagen sich die prominenten Transfermeldungen. Sind die Bekenntnisse von damals bereits vergessen?
Das ist von aussen schwer zu beurteilen. Die Profi-Klubs im Fussball und im Eishockey befinden sich im internationalen Wettbewerb. Bis zu einem gewissen Mass müssen sie jeweils mitziehen auf dem Transfermarkt. Ich persönlich bin allerdings ganz klar der Meinung, dass im Sport eine gewisse Bescheidenheit nicht fehl am Platz wäre. Zum Teil wird übertrieben. Eine Rückbesinnung täte gut.

Ist das ein Appell der Sportministerin an den Schweizer Profisport?
Den habe ich schon einige Male formuliert, und leider muss ich ihn nochmals wiederholen. Am Ende müssen die Verantwortlichen in den Klubs wissen, ob sie sich einen Transfer leisten können oder nicht. Was für ihren Sport gut ist oder nicht.

Die Sportverbände sind oft noch Männerklubs. Sie haben den Schweizer Institutionen eine Aufgabe auferlegt: 40 Prozent Frauen in den Führungsgremien bis 2024 – oder die Subventionen werden gekürzt. Wie viele Funktionäre kamen schon zu Ihnen, um sich über die Ansage zu beklagen?
Wenn ich den zuständigen Verbandsvertretern irgendwo begegne, hat schon der eine oder andere versucht, noch ein wenig Zeit zu schinden. Die Deadline liegt ihnen auf dem Magen. Ich rede ihnen dann gut zu und sage ihnen, dass ich es ihnen zutraue, diese Aufgabe zu lösen.

Also keine Gnade …
Wir sind daran, die Sportförderverordnung anzupassen, die im Januar 2023 in Kraft tritt. So schaffen wir bereits die rechtliche Grundlage für griffige Instrumente. Gewisse Übergangsfristen werden wir sicher gewähren müssen. Sonst würden zum Beispiel verdiente Verbandsmitarbeiter aus einem Vorstand geworfen, nur um das Ziel zu erreichen. Das wollen wir ja nicht.

Sie erhoffen sich von der Quote eine Anschubwirkung, dass sich die Frauen vernetzen und positionieren können. Sind Frauen schlechte Netzwerkerinnen?
Das würde ich so nicht sagen, aber wir haben Nachholbedarf. Frauensport hat im Profibereich lange gar nicht stattgefunden, jetzt müssen wir aufholen. Wenn ich an die Netzwerke «sportif» oder «Helvetia rennt!» denke, bin ich zuversichtlich. Frauen fangen an, zusammenzuspannen. Das ist ein gutes Zeichen.

Frauensport hat im Profibereich lange nicht stattgefunden

Wie haben Sie in Ihrer Karriere gelernt, sich für neue Aufgaben aktiv ins Spiel zu bringen?
Meine oberste Maxime war es immer, die Dossiers zu kennen, sattelfest zu sein. Zudem habe ich natürlich selber Netzwerke genutzt. Das der CVP-Frauen, heute Mitte, zum Beispiel. Und: Ich habe mitgeholfen, in Brig den ersten Frauen-Serviceklub, Soroptimist Brig, zu gründen. Nicht zuletzt habe ich durch den Sport, durchs Tennis, ein gutes Netzwerk gehabt. Ich habe Jahrzehntelang Interclub gespielt. Man lernt so viele Leute kennen.

Spielen Sie eigentlich heute noch gelegentlich Tennis?
Ich getraue mich fast nicht, das zu sagen: Ich habe schon ewig nicht mehr gespielt.

Vom Tennis zurück zum Fussball. Zumindest im weitesten Sinne. Der Bundesrat hat diese Woche den Bericht zum Postulat «Bekämpfung des Hooliganismus» verabschiedet. Darin fordert er mit personalisierten Tickets und insbesondere der Aufhebung von Stehplätzen und Einschränkungen bei den Gästefans Massnahmen, die für Fussballfans und Fankultur einschneidende Veränderungen bedeuten würden. Geht der Bundesrat damit nicht zu weit?
Der Bericht geht in die richtige Richtung. Der Bundesrat will einen friedlichen und fairen Sport ohne Gewalt. Natürlich lebt der Sport und insbesondere der Fussball auch von Emotionen der Fans. Deshalb bin ich für Massnahmen, die nicht das emotionale Erlebnis eines Matchbesuchs beeinträchtigen, sondern zur Sicherheit der Zuschauerinnen und Zuschauer beitragen. Personalisierte Tickets sind eine Massnahme. Sie haben eine präventive Wirkung. Das ist auch im Interesse der Fans, damit nicht alle unter Generalverdacht stehen. Ich habe mich mit dem Fussballverband und der Fussball-Liga bereits mehrfach über personalisierte Tickets ausgetauscht. Sie kennen meine Haltung. Die rechtliche Handhabe liegt aber bei den Kantonen, den Bewilligungsbehörden, den Klubs und bei der Liga. Es ist im Interesse des Sports, Hooliganismus zu bekämpfen.

2006 hat die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel die Fussball-Nationalmannschaft als Politik-Vehikel entdeckt, stand jubelnd auf der Tribüne. Seither zeigen sich immer mehr Politiker und Politikerinnen als «Fans» ihrer Nationalmannschaften. Finden Sie das heikel?
Ich finde es legitim, dass man als Politikerin das eigene Team unterstützt. Die Akteurinnen und Akteure sind immer auch Botschafterinnen und Botschafter für ein Land. Wer ehrliches Interesse am Sport hat, darf sich durchaus auch als Fan zeigen. Es muss einfach authentisch sein. Wenn sich jemand auf eine Tribüne setzt, ohne einen Bezug zum Sport zu haben, dann wirkt das natürlich eigenartig. Aber sonst finde ich es richtig, wenn eine Politikerin die Athletinnen unterstützt.

Würden Sie so weit gehen wie die ehemalige kroatische Staatspräsidentin, die 2018 jeweils im Fussball-Shirt auf der Tribüne sass?
Also spätestens im Final kann ich für nichts mehr garantieren (lacht). Ich bin auch schon mal bei einem Cupfinal in einem Sion-Shirt aufgetaucht.

Oh, mutig …
Natürlich, als ich noch nicht Bundesrätin war. Seither ist Sion nicht mehr im Final gewesen.

Stimmt.
Also, Sie sehen, ich habe da absolut keine Hemmungen.

Eins nach dem anderen. Zuerst spielen die Schweizer Frauen in England. Stehen die Spielzeiten schon in Ihrer Agenda?
Ich habe mir den Spielplan schon mal ausgedruckt. Während des Turniers ist sitzungsfreie Zeit. Da kann ich es mir einrichten, das eine oder andere Spiel zu schauen.

Darf man als Bundesrätin Termine blockieren, um Fussball zu schauen?
Als Sportministerin muss man das doch fast (lacht).

Wo schauen Sie lieber Fussball: im Public Viewing oder eher in der ruhigen Stube?
Eigentlich fast lieber in der ruhigen Stube. Da kann ich auch hin und wieder einen Kraftausdruck verwenden.

Zum Schluss: Wer kommt weiter – die Frauen bei der EM oder die Männer bei der WM?
Ich drücke beiden die Daumen. Wäre doch schön, wenn ich mir das eine oder andere Endspiel vor Ort anschauen könnte!


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