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«Weniger als 1 Prozent der 3000 Tonnen Munition ist sichtbar»

Der Chemiker Patrick Folly leitet die Teams des Fachbereichs Explosivstoffe und Munitionsüberwachung der armasuisse. Aktuell beurteilen er und seine Mitarbeitenden die Munitionrückstände im ehemaligen Munitionslager Mitholz.

27.12.2018 | Kommunikation VBS, Valentine Zubler Mäder

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Herr Folly, die Frage, die immer wiederkehrt: Warum geht es mit der Räumung des ehemaligen Munitionslagers nicht schneller vorwärts, warum dauert es so lange? Können Sie die Munition nicht jetzt schon räumen?

Dazu zunächst einige Zahlen, die auf den vorliegenden Unterlagen beruhen. Wir schätzen, dass noch bis zu 3000 Tonnen nicht explodierter Munition im verschütteten Bahnstollen sowie im Schuttkegel vor dem ehemaligen Munitionslager liegen. Rechnet man mit durchschnittlich 5 Kilogramm pro Munition, sind das mehr als 500 000 Stück. Wir wissen ausserdem, dass mehrere Tausend Ge¬schosse über 50 Kilo wiegen. Die gesamte Menge der noch nicht explodierte Munition entspricht der Ladung von hundert 28-Tonnen-Lastwagen. Das Hauptproblem ist jedoch ein anderes: Die sichtbare Munition macht weniger als ein Prozent der gesamten zu räumenden Menge aus. Wir wissen jedoch nicht, wie die restliche Munition, die sich mehrheitlich unter dem Gestein der Explosion von 1947 befindet, verteilt ist? Und an welchen Stellen sich grössere Mengen konzentriert befinden könnten? Zudem besteht die Gefahr, dass beim Kontakt mit der Munition bereits eine Explosion ausgelöst werden könnte und wir müssen dabei die Sicherheit unserer Mitarbeitenden gewährleisten.

Ermöglicht die heutige Technik keine Lokalisierung der Munition?

Wir verwenden die neuesten Techniken, die es gibt. Einige sind sogar noch im Entwicklungsstadium. Bislang kann aber noch kein Röntgengerät oder sonstiger Metalldetektor anzeigen, welche Munition bereits gezündet wurde und welche noch detonieren könnte. Die Herausforderung liegt in den erwähnten Munitionsansammlungen, denn dort besteht die Gefahr einer Übertragungsreaktion.

Welche Szenarien prüfen Sie?

Wir überlegen uns unter anderem, einen sogenannten Delaborierungsraum direkt im ehemaligen Munitionslager einzurichten. Für eine solche Sonderzone könnten beispielsweise die mittlerweile nicht mehr genutzten Räumlichkeiten der Armeeapotheke dienen. In einem derartigen Schutzraum könnten die Zünder von der Munition getrennt werden. Nur so könnte danach die Hauptmenge der Munitionsrückstände in eine Spezialentsorgungsanlage, wie z.B. in die einzige solche Anlage in Altdorf gebracht werden. Die Zünder und weitere heikle Munitionsteile müssten dann ebenfalls vor Ort in einem gepanzerten Spezialofen entsorgt werden.

Und für diese Arbeit beabsichtigen Sie, Roboter oder ferngesteuerte Bagger einzusetzen?

Ja, denn wir wollen möglichst wenige Mitarbeitende einsetzen, um die Munition in diesen sicheren Raum zu transportieren und weiter zu manipulieren. Ich will keine Mitarbeitenden gefährden.

Haben wir denn in der Schweiz solche Maschinen?

Bald. Das VBS hat grünes Licht für eine entsprechende Studie gegeben. Bei diesem System lässt sich ein Schreitbagger ferngesteuert von einer externen Steuerkabine aus bedienen. Der Prototyp sollte in ein bis zwei Jahren einsatzbereit sein. Mit einem solchen Bagger könnte das Gelände schichtweise abgetragen werden. Einzelne Munitionsstücke und zusammengebackene Ansammlungen würden dabei heraus gebaggert und sobald eine Anhäufung auftritt, könnte gestoppt und zur Sicherheit, wenn nötig eine temporäre Evakuierung eingeleitet werden. Aber ich wiederhole: Das ist eines von mehreren Szenarien. Wir müssen bei der Machbarkeitsstudie für jedes Szenario geologische, physikalische, chemische und hydrologische Parameter berücksichtigen. Wichtig ist, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von Mitholz wissen: Auch wenn es ein langer Weg sein wird – wir gewinnen täglich mehr Informationen. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir verschiedene Szenarien prüfen müssen.

Was ist nun die nächste Etappe?

Als nächstes analysieren wir, welche Risiken von den noch vorhandenen 50-Kilogramm-Bomben ausgehen. Es ist uns gelungen, eine solche Bombe aus einem Spalt im verschütteten Bahnstollen zu bergen, ohne dabei weitere Munitionsreste stärker zu bewegen. Wir werden diese auf einem Schiessplatz des VBS mittels einer kleineren Granate aus dem verschütteten Stollen aufsprengen. So werden wir sehen, ob dadurch auch die grosskalibrige Bombe detoniert und messen, wie stark die Explosion ausfällt. Für uns ist diese Information zentral, denn unter dem Gestein im ehemaligen Munitionslager könnte kleinkalibrige Munition dicht zwischen grosskalibriger liegen.

Können Sie uns heute sagen, ob die Anlage vollständig geräumt wird?

Die vollständige Räumung ist das Ziel, das wir anstreben. Aber wie bereits gesagt, muss dabei auch die Sicherheit der Mitarbeitenden im Vordergrund stehen; wir wollen deren Leben nicht aufs Spiel setzen. Auf jeden Fall wollen wir das Risiko für die Bevölkerung so weit wie möglich minimieren und zwar sowohl für die heutigen Einwohner, als auch für künftige Generationen.

Zum Schluss noch eine Frage zu den Überwachungsmassnahmen. Wie ist da der Stand?

Man ist daran, Videokameras ausserhalb der Anlage sowie Infrarotkameras innerhalb aufzustellen. Ab Januar wird ein System installiert, um austretende Gase zu messen. Bis im Februar sollte alles in Betrieb sein. Gleichzeitig müssen wir aber eine Expertengruppe bilden, welche die aufgezeichneten Daten auswertet, denn wir haben keinerlei Vergleichswerte. Damit im Falle von Veränderungen entsprechende Massnahmen eingeleitet werden können, muss jedoch zuerst der «Null»-Wert bekannt sein. Dazu muss das Überwachungssystem in einer ersten Phase kalibriert werden.