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«Ich erwarte, dass man mich als Mensch wahrnimmt, nicht als Behinderten im Rollstuhl»

Heute ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Vince Cavicchia arbeitet seit fast 20 Jahren im Nationalen Jugendsportzentrum Tenero (CST). Als einer von sechs Sportkoordinatoren plant und organisiert er Sportwochen und betreut die Gäste. Er gewährt uns Einblick in seinen Berufsalltag im Rollstuhl.

03.12.2019 | Personal VBS, Sabine Lehner

Foto: CST/Ralph Heksch


Welche Aufgaben haben Sie als Sportkoordinator beim CST?

Als Sportkoordinatoren sind wir vom Beginn der Planung bis zum Abreisetag für unsere Gäste verantwortlich. Wir treffen alle nötigen Vorbereitungen vor der Durchführung der Sportwoche und coachen bei Bedarf auch die Kursleiterinnen und Kursleiter bei ihren Vorbereitungen. Dazu gehört beispielsweise die Zuteilung der verschiedenen Sportanlagen und Sportmaterialien an die unterschiedlichen Gruppen. Während der Durchführung sind wir als Wochenchefs verantwortlich für den Ablauf der Sportwoche, die Betreuung der Gäste sowie für Programmänderungen.

Wie kam es zu Ihrer Anstellung beim CST?

Das war eigentlich Zufall. Ich trainierte regelmässig als aktiver Sportler auf den Anlagen des CST. Gegen Ende meiner Sportkarriere ergab sich die Gelegenheit, mit einem Teilzeitpensum einzusteigen, woraus dann bald eine Vollzeitstelle wurde.

Benötigen Sie bei ihrer Arbeit Hilfsmittel, die Unterstützung von Arbeitskolleginnen und –kollegen, oder musste an Ihrem Arbeitsplatz etwas angepasst werden?

Nein. Dank einer fast optimal rollstuhlgängigen Infrastruktur beim CST benötige ich für meinen Arbeitsalltag weder spezifische Hilfsmittel noch Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen. Auch waren keine speziellen baulichen Anpassungen am Arbeitsplatz nötig. Beim CST werden bereits seit Jahren die Gesetze zum hindernisfreien Bauen ziemlich gut umgesetzt.

Treffen Sie im Arbeitsalltag als Rollstuhlfahrer auf Hindernisse?

Nein, solange der Lift nicht aussteigt, gibt es keine besonderen Hindernisse in meinem Arbeitsalltag als Rollstuhlfahrer.

Welchen Umgang mit Ihnen bezüglich Ihrer Behinderung erwarten Sie? Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?

Ich erwarte vor allem, dass man mich in erster Linie als Mensch wahrnimmt, nicht als Behinderten im Rollstuhl. Als Mensch, der sich im Rollstuhl fortbewegt. Man kann mich ohne Hemmungen und direkt ansprechen. Zum Glück mache ich in meinem Arbeitsalltag mehrheitlich positive Erfahrungen. Ich glaube, dass der Sport diesbezüglich eher hilft, Hemmungen abzubauen. Kontakte entstehen oft spontan und unkompliziert über die Gemeinsamkeiten im sportlichen Umfeld.

Gibt es Ihrer Meinung nach "Dos and Don'ts" im Umgang mit Menschen im Rollstuhl?

Hilfestellungen von Fussgängerinnen und Fussgängern sollten auf direkte Anfrage des Rollstuhlfahrenden oder nach direktem Fragen der Hilfsperson erfolgen. Überfallsartige Hilfe ohne Rücksprache, auch wenn sie in guter Absicht erfolgt, ist oft gar nicht nötig oder sogar kontraproduktiv. Ich schätze es, wenn in meiner Anwesenheit Schwierigkeiten und Fragen mit mir direkt besprochen werden anstatt über Drittpersonen. Es entsteht sonst das Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden.

Was sind die Herausforderungen bei der Stellensuche als Rollstuhlfahrer?

Die Herausforderung, dass man überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, ist bestimmt gross. Manchmal frage ich mich, ob man als Rollstuhlfahrer besser qualifiziert sein muss als ein Bewerber ohne Behinderung, um überhaupt eine solche Chance zu erhalten. Ich meine leider ja.

Was kann der Arbeitgeber oder Vorgesetzte tun, um Menschen mit einer Behinderung anzuwerben, einzustellen und besser in den Arbeitsalltag zu integrieren?

Am einfachsten ist es, wenn sie sich wie Kinder - ohne Hemmungen und Ängste - auf die Situation und den Umgang mit Menschen mit Behinderungen einlassen können. Ich glaube, dass diese Hemmungen und Ängste leider noch immer die grösste Hürde für eine Integration sind. Der einzige Weg, diese Hürde zu überwinden, führt für mich über persönliche Kontakte und Gespräche mit Betroffenen.

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung

Im Jahr 1992 riefen die Vereinten Nationen den internationalen Tag der Menschen mit Behinderung ins Leben, der darauf hinzielt, den Einbezug und den Anschluss von Menschen mit Behinderung in allen Bereichen der Gesellschaft zu fördern. Dementsprechend hat der 3. Dezember die kulturelle, politische, soziale und wirtschaftliche Integration aller Menschen mit Behinderung zum Ziel. Des Weiteren bietet er die Gelegenheit, daran zu erinnern, dass alle Menschen frei und gleich geboren werden und neben anderen Grundrechten auch das Recht auf Zugang zur Arbeitswelt haben. Seit 2008 werden die Grundrechte von Menschen mit Behinderungen in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen garantiert. Das von 147 Ländern unterzeichnete Übereinkommen trat für die Schweiz 2014 in Kraft.