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«Scharfe» Tests für System der bodengestützten Luftverteidigung

Rund 20 Jahre nach der Ausserdienststellung des bodengestützten Luftverteidigungssystems BL-64 «Bloodhound» wurden – wenn auch nur für eine kurze Zeit – wieder Sensoren auf dem Gubel in Menzingen aufgestellt. Hintergrund: Die Sensorerprobung für ein Bodluv-System grösserer Reichweite im Rahmen des Programmes Air2030.

08.01.2020 | Kommunikation armasuisse, Kaj-Gunnar Sievert

Die Sensorenstellung des amerikanischen Lenkwaffensystem Patriot von Raytheon auf dem Gubel. Foto: Xavier Rappo, armasuisse


Auf der ehemaligen «Bloodhound»-Stellung auf dem Gubel in Menzingen ZG: Die Bedienungsmannschaft des Herstellers und Armeeangehörige der Herstellernation haben an ihren diversen Arbeitsplätzen die Systeme und Sensoren hochgefahren sowie die letzten Checks absolviert. In wenigen Minuten beginnt ein weiterer Zieldarstellungsflug. Gleichzeitig stehen auf dem rund 25 Kilometer weit entfernten Militärflugplatz Emmen eine F/A-18C Hornet und ein F-5F Tiger der Schweizer Luftwaffe startbereit auf der Piste. In wenigen Augenblicken starten die beiden Kampfflugzeuge und fliegen in den Einsatzraum. Der zugewiesene Luftraum erstreckt sich über mehrere 100 Kilometer zur Position der aufgestellten Sensoren, doch die Flugzeuge sind für die Boden-Crew von blossem Auge nicht sichtbar. Nach Erreichen des Einsatzraums beginnen die Piloten mit verschiedenen Missionen zur Zielflugdarstellung. Dabei gehen sie nach einem exakt vorbestimmten Flugplan vor. Was auf den ersten Blick wenig spektakulär aussieht, ist für die Piloten Massarbeit und für die Evaluation entscheidend. Das Erprobungsteam von armasuisse und der Armee will für beide Bodluv- Kandidaten die gleichen Testbedingungen generieren, um die Gleichbehandlung sicherzustellen. Die dabei vermittelten und aufgezeichneten Daten kommen später der Überprüfung der offerierten Herstellerangaben zugute. Die Sensorerprobung bildet damit eine wichtige Grundlage für die Empfehlung des Projektteams des für die Schweiz am besten geeigneten Systems.

 

Die französische SAMPT/T des französisch-italienischen Konsortium Eurosam auf dem Gubel. Foto: Oliver Bachmann und Marco Glanzmann, armasuisse

Grosse Palette von Luftfahrzeugen

Die Sensoren der jeweiligen Systeme sollen in der hiesigen Topografie getestet werden. Deren Leistungsfähigkeit und Leistungsgrenzen stellt man dazu immer in den Kontext der gesamten Bekämpfungskette. Wie schon bei der Flug- und Bodenerprobung für ein neues Kampfflugzeug im zweiten Quartal 2019 ist armasuisse für die gesamte Evaluation verantwortlich. Die Auswahl der zu überprüfenden Parameter und der Anzahl Testpunkte insgesamt bleibt einem spezialisierten Team von Fachexperten der Schweizer Armee und armasuisse vorbehalten. Prinzipiell geht es um die erste Aufschaltung eines oder mehrerer Zielflugzeuge, weiter um stabile Zielverfolgung und Zielidentifikation, und zuletzt um die Generierung von lenkwaffenfähigen Zieldaten. Zusammengefasst also, ob die Qualität der Radardaten zum erfolgreichen Abschuss einer Bodluv-Lenkwaffe ausreicht.

Nicht nur die F/A-18 Hornet und der F-5 Tiger kommen als Zieldarstellung zum Einsatz. Das Erprobungsteam greift auf eine grosse Palette von Luftfahrzeugen der Luftwaffe und armasuisse zurück. Mit den unterschiedlichen Luftfahrtmitteln simuliert das Projektteam für die Kandidaten verschiedene technische und operationell relevante Szenarien.

Während ihren regulären Trainingsflugzeiten führt die Luftwaffe pro Hersteller zehn verschiedene Zielflugmissionen durch. Auf Nachtflüge wurde verzichtet, da dies keinen relevanten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der erprobten Sensoren hat.

Aber nicht nur im Luftraum wird gemessen. Mit bodengestützten Messmitteln stehen unter anderem auch die Verträglichkeit in der dichten Frequenzlandschaft der Schweiz und die Einhaltung von Standards zu elektromagnetischen Emissionen auf dem Prüfstand. Dazu dienen innerhalb und ausserhalb des Armeegeländes installierte Messstationen.

Der auf einem Lastwagen montierte Lenkwaffenwerfer diente der Veranschaulichung und war nicht mit «scharfen» Lenkwaffen bestückt. Foto: Xavier Rappo, armasuisse

Erfolgreiche Tests

Auch für die Hersteller waren die Zieldarstellungsflüge eine Herausforderung. Und wie schon bei der Flug- und Bodenerprobung der neuen Kampfflugzeuge in Payerne erkannt, sind es sich die Hersteller nicht in jedem Fall gewohnt, ihre Systeme einer technischen Evaluation in einem potentiellen Käuferland zu unterziehen. Gleichwohl konnten der Sensor des Patriot-Systems des US-Herstellers Raytheon als auch der Sensor des französisch-italienischen Konsortiums Eurosam mit dem System SAMP/T wie vorgesehen getestet werden. Die Sensoren stellten den gewünschten Reifegrad unter Beweis. Die bei den Tests ermittelten Daten der Radarkonsolen wurden während allen Missionen aufgezeichnet und im Nachgang im Detail mit den Fachspezialisten des Kandidaten und dem VBS ausgewertet und dokumentiert.

Nächste Schritte

Nach der Abreise des zweiten Kandidaten am 27. September 2019 begann für das Projektteam die «Knochenarbeit»: die Erkenntnisse der Audits, die Abklärungen im Kandidatenland sowie die Sensorerprobungen werden für jeden Kandidaten separat zusammengefasst. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Armeestab, der Luftwaffe, der Logistikbasis der Armee und der Führungsunterstützungsbasis in sogenannten Fachberichten.

Aufbauend auf den Erkenntnissen der Analyse- und Erprobungsphase erfolgt gegen Anfang 2020 bei den Herstellern eine zweite Offertanfrage.

Mit den Informationen aus der zweiten Offerte und auf Basis der daraus erstellten Fachberichte wird der Gesamtnutzen jedes Kandidaten ermittelt. Erst zu diesem Zeitpunkt kommt es zum Vergleich der Kandidaten.

Die so gewonnenen Resultate fliessen zusammen mit weiteren Teilberichten, wie zum Beispiel den Lebenswegkosten, in den Evaluationsbericht. Aus letzterem geht wiederum eine Systemempfehlung hervor. Die Arbeiten am Evaluationsbericht beginnen im zweiten Halbjahr 2020. Voraussichtlich im 1. Quartal 2021 wählt der Bundesrat den Typ des zu beschaffenden bodengestützten Luftverteidigungssystems grösserer Reichweite zeitgleich mit dem neuen Kampfflugzeug.

Für Zielflugmissionen eingesetzte Luftfahrzeuge

Der Hauptfokus der Bodluv Erprobungen lag in der Überprüfung der Leistungsfähigkeit der Sensoren. Zu diesem Zweck wurden kleinere und grössere, langsamere und schnellere, sowie höher und tiefer fliegende Ziele eingesetzt. Damit liess sich das ganze Spektrum variantenreich abbilden. Während der Sensorerprobung standen maximal drei Luftfahrzeuge gleichzeitig im Einsatz. Eingesetzte Luftfahrzeuge: F/A-18 Hornet, F-5 Tiger, PC-21, PC-12, PC-6, EC 635 und ADS95. Die meisten Einsätze wurden ab der Luftwaffenbasis Emmen geflogen. Es kamen Piloten der Flugerprobung von armasuisse sowie der Luftwaffe zum Einsatz. Die zehn durchgeführten Missionen teilten sich auf sieben technische, zwei operationelle und eine nicht gewertete Vorbereitungsmission auf.

Messung der elektromagnetischen Strahlung

Die Radarantennen senden und empfangen elektromagnetische Wellen. Diese gehören zur Gruppe der «nichtionisierenden Strahlung (NIS)». Dafür gelten Immissionsgrenzwerte, die nicht überschritten werden sollten. Obwohl das Projektteam keine Strahlungswerte oberhalb der gesetzlichen Grenzwerte erwartete, wurden die effektiven Strahlungsemissionen gleichzeitig mit den Systemen überprüft. Die Auswertungen wurden vom Amt für Umwelt des Kantons Zug begleitet, sie lagen alle mit grossem Abstand sowohl unterhalb des gesetzlich vorgegebenen Immissionsgrenzwertes wie auch weit unter dem strengen Anlagengrenzwert von 5.5 V/m. Die Anlagengrenzwerte gelten für Orte, an denen sich Menschen regelmässig über längere Zeit aufhalten. Daher liegt dieser wesentlich tiefer als die Immissionsgrenzwerte.

Nichtionisierenden Strahlung