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Mit der Kamera an allen Fronten

Als Kriegsfotograf und Fotojournalist ist Alex Kühni regelmässig in den Krisenherden dieser Welt unterwegs. Nebst jener Arbeit ist er auch für das Zentrum für elektronische Medien (ZEM) des VBS tätig. Wir haben ihn nach seinem letzten Einsatz, der ihn in eine Corona-Intensivstation führte, getroffen. Das Interview.

16.06.2020 | Kommunikation VBS, Tanja Rutti

Alex Kühni
Alex Kühni gibt Auskunft über seinen nicht alltäglichen Beruf. Foto: VBS/DDPS Sina Guntern

 

Alex Kühni, Sie konnten Spitalsoldaten bei der Betreuung von Corona-Patienten auf die Intensivstation im Basler Bruderholzspital begleiten. Wie kam es dazu?

Ich hatte für das ZEM die Mobilmachung des Spitalbataillon 66 dokumentiert und bin mit dem Bataillon in Kontakt geblieben. Als nach ein paar Tagen klar wurde, dass die Soldaten direkt an der «Front» in der Intensivstation eingesetzt werden, war mir sofort klar, dass dies eine wichtige Geschichte für das VBS ist und habe dies meinen Vorgesetzten vorgeschlagen.

Sie mussten aber zuerst noch Überzeugungsarbeit beim Bruderholzspital leisten und sich dann intensiv auf diese Erfahrung vorbereiten.

Ich musste über Wochen die Kommunikationsabteilung des Spitals und die Oberärzte von der Mission überzeugen. Schlussendlich bekam ich als Begleiter der Armee grünes Licht. Im Vorfeld habe ich alle möglichen Studien über das Virus gelesen und mich drei Wochen lang in die Materie eingelesen. Vor meinem Einsatz habe ich dann zuerst den Einführungstag mit einer Gruppe Soldaten unter der Leitung des Spital-Intensivpersonals mitgemacht. Somit konnte ich auch lernen, wie man mit dem Schutzmaterial für das Einschleusen in die kontaminierte Zone umgeht.

Wie haben das Spitalpersonal und die Soldaten auf Ihre Präsenz reagiert?

Ich kannte die Soldatinnen und Soldaten ja bereits von der Mobilmachung im Kriens und der Ausbildung auf dem Waffenplatz Emmen. Das Spitalpersonal auf der Intensivstation hat mich sehr herzlich aufgenommen. Als Reportagefotograf probiert man eher die «Fliege an der Wand» zu sein, um authentische Bilder zu machen. Dies war sehr einfach, da wir alle durch die Schutzkleidung gleich aussahen. Weiter habe ich versucht, mich so gut wie möglich den gleichen Umständen wie das Personal auszusetzen. So habe ich zum Beispiel eine 12-Stunden-Nachtschicht begleitet, um ein Verständnis für die Arbeit des Intensivpersonals zu erlangen. Das Personal war extrem gefordert und hatte keine Zeit, mich gross wahrzunehmen. In den Pausen konnte ich diese Menschen aber etwas besser kennen lernen.

Was ist Ihnen von diesem Einsatz besonders haften geblieben?

Die unermüdliche Empathie des Gesundheitspersonals für die schwer kranken Menschen.

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Die Intensivstation im Bruderholz Spital, welches im März 2020 zum einem Covid-19 Referenzspital umfunktioniert wurde. Das Intensivpersonal wird durch ein Team von Spitalsoldatinnen und Spitalsoldaten des Spitalbataillon 66 unterstützt. (April 2020). Foto: Alex Küehni.

«Für mich ist es am eindrücklichsten, dass es auch an den dunkelsten und schlimmsten Orten Leute gibt, die allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Menschlichkeit bewahren, um andern zu helfen.»

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Ein Scharfschütze der Irakischen Bundespolizei während der Schlacht um die Altstadt von Mosul. (April 2017). Gehört zur Bildserie, für welche Alex Kühni den Swiss Press Photo Award (Ausland) gewonnen hat.

 

Gibt es beim VBS ein anderes Thema, dass Sie gerne fotografisch begleiten möchten. Haben Sie ein Wunschsujet?

Ich mag besonders die Reportagearbeit, sei es ein offizieller Besuch mit Bundesrat oder das Dokumentieren der Arbeiter einzelner Truppen oder Personen. Das VBS hat viele spannenden Themen. Ich reise gerne, müsste ich mich also für ein «Wunschsujet» entscheiden, wäre das wohl die Arbeit der Militärbeobachter in der demilitarisierten Zone zwischen Süd- und Nordkorea oder eine Mission in Afrika.

Normalerweise sind Sie eher in den Krisenherden im Ausland unterwegs. Wie sind Sie zur Kriegsfotografie gekommen? Was treibt Sie besonders an?

Wenn man das Leiden an diesen Orten sieht, welches in einen so starken Kontrast zum Leben in der Schweiz steht, ist die Motivation nicht schwer zu finden. Beruflich in diese Richtung zu gehen, entspringt bei mir aus persönlichen Interessen zu Themen wie Konflikt, Kultur und Geschichte. Als der Islamische Staat 2014 grosse Teile des Iraks und Syrien unterwarf, um ein Kalifat auszurufen, wusste ich, dass ein weiterer langer Konflikt ausbrechen wird, den ich dokumentieren wollte. Sechs Jahre später bin ich immer noch am selben Thema. Ich masse mir nicht an, dass ich mit meiner Arbeit viel verändern kann, wenn ich jedoch ein bisschen zur Aufklärung beitragen kann, bin ich mehr als zufrieden.

Was war für Sie bis anhin eines Ihrer eindrücklichsten Erlebnisse in einem Ihrer Einsätze als Kriegsfotograf?

Dass es auch an den dunkelsten und schlimmsten Orten Leute gibt, die allen Widrigkeiten zum Trotz, ihre Menschlichkeit bewahren, um andern zu helfen.

«Es ist mir wichtig, mit einem Bild Frieden schliessen zu können.»

 

Sie sitzen aufgrund der aktuellen Lage in der Schweiz fest und das Reisen ist extrem eingeschränkt. Wie füllt es sich an, nicht vor Ort sein zu können?

Na ja, irgendwie bin ich ja vor Ort, im Sinne, dass ich zum ersten Mal eine Ausnahmesituation vor der eigenen Haustüre dokumentiere und nicht dafür in den Nahen Osten oder nach Asien reise. Natürlich würde ich jetzt auch gerne reisen, da es Regionen gibt, in welchen COVID-19 nur noch ein weiterer Faktor zu Konflikt, Krieg und Missstand ist.

Sobald sich die Möglichkeit wieder ergibt, wohin möchten Sie als erstes reisen, bzw. welches Ereignis möchten Sie abdecken?

Ich möchte zurück in den Nahen Osten. Zurzeit nutzen terroristische Organisationen wie der IS die Situation aus, um ein «Comeback» zu starten. Aber auch die Lage in Hongkong ist weiterhin angespannt und die Eskalationen sind eher nur auf Eis gelegt wegen dem Virus.

Wie geht man mit seiner Angst um? Können Sie nach Ihren Kriegseinsätzen überhaupt noch gut schlafen?

Angst ist sehr schlecht in gefährlichen Situationen, ich probiere sie in Kriegsgebieten so gut wie möglich im Zaun zu halten, um meine Arbeit gut zu machen. Natürlich gibt es Erlebnisse, die einem noch lange und bis in die Träume verfolgen. Im Gegensatz zu den Menschen vor Ort, bin ich jedoch freiwillig dort und kann jederzeit in ein friedliches Land zurückkehren. Besonders meine Arbeit im Nahen Osten führt mir immer wieder vor Augen, wie privilegiert ich leben darf. Das relativiert Fragen um Angst, Ausgleich und Schlafhygiene. Häufig hilft es auch, wenn man zu zweit unterwegs ist, sich austauschen kann und hin und wieder auch mal Galgenhumor an den Tag legen kann.

Haben Sie ein persönliches Lieblingsbild?

Ich habe kein eigentliches Lieblingsbild, mich fasziniert an der Fotografie, dass man einen Moment einfrieren, konservieren und mit anderen teilen kann. Ich muss mit einem Bild auch jeweils Frieden schliessen können. Ein Bild, welches mich lange beschäftig hat, ist das eines Vaters, der seine zwei Kinder vorbei an den Leichen getöteter IS-Terroristen führt. Das Bild stammt aus der Schlacht um Mosul in Nordirak, nur Stunden nachdem das Quartier von der Irakischen Armee zurückerobert wurde.

Ist Ihre militärische Ausbildung in Ihrem Beruf von Nutzen?

Das militärische Wissen ist auf Reportagen in Kriegs- und Konfliktgebieten oft hilfreich. Nebst den offensichtlichen Sachen wie Erste Hilfe ist auch das generelle Verständnis für militärische Abläufe hilfreich. Um von Kriegsfronten zu berichten, geht das oft nur als «embedded journalist», also eingebettet mit der Truppe einer der Kriegsparteien. Ich konnte dadurch schon öfter von einer höheren Akzeptanz profitieren.

Um nochmals einen Bogen zur Coronakrise zu schlagen: Inwiefern ist die Anspannung vor einem Einsatz im Kriegsgebiet mit der Aufgabe in dieser besonderen sanitarischen Krise vergleichbar?

Ich bin jemand, der sich nur am Morgen vor dem Zahnarztbesuch Sorgen um Löcher macht und nicht schon Tage zuvor. Ich habe also nur eine kurze Phase, in welcher ich Anspannung zulasse. Ich probiere dann solche Anspannung zu überwinden, indem ich mich mental auf meine Arbeit vorbereite. Als ich letzten Oktober in Syrien an eine der Kriegsfronten fuhr, bin ich im Kopf die wichtigsten Erste-Hilfe-Massnahmen aus der Kriegsmedizin durchgegangen. Als ich in die Covid-19-Intensivstation ging, bin ich die trainierten Hygiene- und Schutzmassnahmen durchgegangen. Total verschiedene Umstände natürlich, aber die Vorbereitung gehe ich gleich an.

Zur Person

Der Berner Alex Kühni ist Fotojournalist, Kriegs- und ZEM-Fotograf. Für verschiedene Reportagen war er im Irak, in Syrien, in Nordkorea, in Bangladesch, im Libanon, in Gaza, in Tadschikistan, Kirgistan, Kambodscha, Hongkong und der Ukraine unterwegs. In Zukunft wird er zusätzlich auch für das Schweizerische Korps für Humanitäre Hilfe tätig sein. Alex Kühni wurde 2018 mit dem Swiss Press Photo Award (Kategorie Ausland) für seine Fotoserie über Sniper im Kampf um Mosul ausgezeichnet. Dieses Jahr belegte er den 3. Rang in der gleichen Kategorie für seine Fotoserie über die Protestaktionen in Hongkong gegen die chinesische Regierung. Nebst seiner Arbeit als Fotograf, unterrichtet der 38-Jährige Teilzeit an der Schule für Gestaltung in Bern. Nach seiner Rekrutenschule als M-Flab Kanonier, hat Alex Kühni die Unteroffiziersschule, Fourierschule und später die Ausbildung zum Logistikzugführer im Rang Adjutant Unteroffizier durchlaufen. 2019 wurde er zum Fachoffizier (Major) ernannt und leistet weiterhin Milizdienst für das Militärprotokoll.

Zentrum für elektronische Medien