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Talent ist der Schlüssel zur Cyberverteidigung

Interview mit Dr. Michael Raska, Forscher für militärische Transformation, Technische Universität Nanyang, Singapur.

19.11.2019 | Kommunikation Verteidigung, Ruth van der Zypen

Michael Raska
Dr. Michael Raska ist ein sehr gefragter Referent zu Themen wie Konflikte im digitalen Zeitalter sowie Cyberoperationen.

Herr Dr. Raska, was für einen Eindruck haben sie vom militärischen Cyberkurs, in dem Sie einen Vortrag gehalten haben?

Der Lehrgang stellt einen guten Anfang dar, zudem zeigt er, dass der politische Wille vorhanden ist, im Cyberbereich voranzukommen. Das ist zentral. Verschiedene Nationen neigen immer mehr dazu, eigene Cyberkommandos zu bilden. Zuerst aber sollte ein Fundament gelegt und gefestigt werden.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Teilnehmenden?

Der Cyber-Lehrgang ist eine gute Basis, die Teilnehmer müssen sich danach aber auch noch vertieft mit der Materie befassen. Der Lehrgang eignet sich bestens dafür, junge Menschen zu interessieren, im Privatsektor im Cyberbereich zu arbeiten, um im Militärdienst das Knowhow wieder einzubringen – und genau diesen Kreislauf braucht es.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Gesellschaft im Hinblick auf die Entwicklungen in der Digitalisierung und bei Cyberbedrohungen?

Wir haben es immer mehr mit nicht linearer Kriegsführung zu tun, in der ein Land von nicht militärischer Seite bedroht wird. Das heisst: Cyberspionage, Informationsmanipulation, Cyberangriffe und physische Subversion, also Manipulation von physischen Systemen wie Hardware oder Anlagen. Es gibt dabei ein ganzes Spektrum an Cyberbedrohungen. Die Angreifer versuchen zum Beispiel, an Wissen zu gelangen. Bei der Informationsmanipulation kommt es zur Verbreitung von «falschen Tatsachen» via soziale Medien mit der Absicht, Spannungen und Zerwürfnisse innerhalb einer Gesellschaft zu kreieren. Jedes Land ist heute damit konfrontiert, man sah es bereits während der letzten Präsidentschaftswahlen in den USA oder während der Brexit-Diskussionen.

Unsere Gesellschaft arbeitet zudem immer mehr mit riesigen Datenmengen, auch Big Data genannt. Wer sich Zugang zu diesen Daten verschafft, kann sie auch für negative Zwecke, also zur Manipulation, verwenden.

Was würden Sie der Schweiz im Bereich der Cybersicherheit raten?

Heutzutage kann ein Staat nur Stärke beweisen, wenn er auch im Cyberraum einflussreich ist. Immerhin ist Cyberstärke unabhängig von der Grösse des Staates, was für die Schweiz eine Chance darstellt. Aber um im Cyberraum fit zu sein, braucht es Zusammenarbeit.

In Singapur machen wir es so: Die Universitäten arbeiten eng mit den Regierungsämtern zusammen und bilden Synergien. Die Privatwirtschaft finanziert die Innovation innerhalb der Universitäten. Das Militär liefert die langfristigen Karrieren in diesem Bereich.

Natürlich ist es für die Armee schwierig, gute Leute zu rekrutieren, da die Privatwirtschaft mehr Geld für die Kader zur Verfügung stellt. Talent zu finden, ist also die grösste Herausforderung.

Ein wunder Punkt ist das sogenannte Silodenken, das jede Gesellschaft kennt: Oftmals wollen Organisationsbereiche nicht mit anderen zusammenarbeiten wie etwa verschiedene Ministerien oder gar Privatfirmen mit dem Militär. Heutzutage erkennen wir aber, dass solches Gärtchendenken einer neuen, offenen Art der Kooperation weichen muss. Institutionelle Beweglichkeit ist gefragt, will man auf äussere Bedrohungen reagieren.

Bürokratische Strukturen sind darum auch nicht zuträglich für Adaption und Innovationen, und gerade Letztere braucht es. Alle Länder müssen sich diesen Herausforderungen stellen.

Sie haben ein Buch geschrieben über die militärische Innovation in kleinen Staaten. Worauf sollten wir Schweizer speziell fokussieren?

Die meisten Länder handeln nach einem ähnlichen Schema, nach welchem sie versuchen, junge Talente ausfindig zu machen, diese zu fördern und durch Aus- und Weiterbildung sowie Einsatz in passenden Jobs zu Experten auszubilden.

Im besten Fall besteht zwischen den Institutionen eine gemeinsame Ausrichtung: zunehmende Synergien zwischen privaten Stakeholdern, Talententwicklung an den Universitäten, definierte militärische Anforderungen sowie Innovation aus der Privatwirtschaft. Man muss eine Art Cyberabwehr-Ökosystem entwickeln aus Talenten, Technologien und Organisationen, das auch mit Partnernationen verbunden ist. Allianzen müssen gestärkt werden!

Wichtig sind dabei Plattformen, auf denen sich Firmen und Institutionen über Cyberrisiken austauschen können, ohne dass ihr Ruf zu Schaden kommt. Derzeit ist es problematisch, einen Cyberangriff zuzugeben, weil man dann als unsicher gilt – besonders im Fall von Finanzinstituten, die häufig Ziel von Cyberoperationen sind. Für die Schweiz ein sehr wichtiger Punkt, da ihr Finanzsektor besonders bedeutend ist. Die Schweiz darf nicht als unsicher gelten, denn das könnte grossen wirtschaftlichen Schaden zur Folge haben. Kurz gesagt: Der Finanzsektor und die Armee müssen sich austauschen und zusammenarbeiten.

Wie denken Sie, werden Cyberentwicklungen die Welt in den nächsten Jahren verändern?

Die Schweiz ist von den Bündnissen der EU und NATO umgeben und geniesst einen gewissen geografischen Schutz. Die Cyberbedrohung existiert unabhängig davon.

Im Cyberbereich ist es eine Art Katz-und-Maus-Spiel zwischen der Offensive und der Defensive. Mit einer neuen Idee, also Innovation, kommt es zur Offensive, danach zur Gegeninnovation, um diese abwehren zu können. Es findet eine ständige Anpassung statt.

Neuerdings wird dafür künstliche Intelligenz eingesetzt und versucht, lernfähige Maschinen zu erzeugen. Und selbst mit den schlausten Hackern ist man immer nur so stark wie die schwächste Stelle im eigenen System. Die komplette Cybersicherheit wird man nie erreichen.

Die Komplexität der Cyberwelt steigt also von Tag zu Tag. Aber ebenso das Tempo der Aktivitäten. Das heisst, man muss rascher reagieren. Die zunehmende Vernetzung von Infrastruktur und Gesellschaft sowie die Nutzung von grossen Datenmengen bedeuten auch eine grössere Verwundbarkeit. Wir haben eine zunehmende strategische Abhängigkeit von den benutzten Technologien. Gleichzeitig wollen wir auch den technologischen Fortschritt. Stärken werden also sogleich zu potenziellen Schwächen. Dazu müssen die Einsatzregeln auch immerzu überdacht werden. Was macht man bei einer Cyberattacke? Wehrt man sie ledig-lich ab oder startet man zur Gegenattacke?

Interessant ist dabei speziell die Frage, wie die Situation für kleine Staaten aussieht. Singapur ist ein Beispiel dafür. Bei uns versucht man mit gewissen Regeln die externen Partnerschaften zu pflegen wie etwa die militärische Diplomatie. Singapur legt grossen Wert auf die Cybersicherheit, um seine Informationssphäre zu schützen, aber auch, um sogenannte Soft Power zu generieren, also eine Attraktivität durch Standortvorteile. Kleine Staaten können die durch Grösse bedingte Asymmetrie umkehren, wenn sie technologisch hochentwickelt sind. Sie sind nicht mehr von Grossmächten abhängig, schon gar nicht, wenn sie eine eigene Cybermacht darstellen. Die Schwerpunkte beginnen sich international also sehr zu verändern. Immer noch müssen die Bewohner eines Landes aber einen nationalen Willen haben, sich für ihr Land einzusetzen – zum Beispiel eben, sich in der Cyberabwehr zu engagieren.
 

 

Michael Raska, Ph.D.

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Dr. Michael Raska ist Assistenzprofessor im Forschungsprogramm «Militärische Transformationen» an der S. Rajaratnam School of International Studies an der renommierten Technischen Universität Nanyang in Singapur. Er forscht vor allem zu den Themen Ostasiatische Sicherheit und Verteidigung, darunter speziell zu Fragen militärischer Innovation und Modernisierung sowie Informationskonflikten und Cyberkriegsführung. Raska ist Autor des Buches «Military Innovation and Small States: Creating Reverse Asymmetry», Verlag Routlege, 2015 (übersetzt: Militärische Innovation und kleine Staaten: wie man Asymmetrie umkehrt).