Im Kampf gegen die Chemiewaffen
Andreas Zaugg arbeitet im Labor Spiez für die Rüstungskontrolle Chemie. Wie er sich für den Weltfrieden einsetzen kann, warum sein Job ihn häufig nach Den Haag führt und was an der ETH suboptimal war, erzählt uns der 50-jährige aus Thun im Interview.
Kommunikation VBS, Tanja Rutti
Andreas Zaugg, Sie arbeiten seit Herbst 2024 im Labor Spiez als Bereichsleiter Rüstungskontrolle Chemie. Was ist die Rolle der Rüstungkontrolle «C»?
Die Rüstungskontrolle Chemie ist Teil der Nationalen Behörde CWÜ (Anm. d. Red.: Chemiewaffenübereinkommen) unter der Leitung des EDA, welche dafür zuständig ist, dass sich die Schweiz an den völkerrechtlich verbindlichen Vertrag des Chemiewaffenübereinkommen CWÜ hält und dessen Vorgaben umgesetzt werden. Weiter sind wir die nationale Fachstelle für die Export- und Rüstungskontrollmassnahmen gegen die Verbreitung von Chemiewaffen und unterstützen die Umsetzung multilateraler Abkommen.
Die Nationale Behörde CWÜ ist dafür zuständig, dass sich die Schweiz an den völkerrechtlich verbindlichen Vertrag des Chemiewaffenübereinkommen hält.
Was gehört zu Ihren Kerntätigkeiten?
Dazu gehört die fachliche Beratung der Schweizer Delegationen sowie der Bundesstellen, die mit der Umsetzung der erwähnten multilateralen Abkommen betraut sind. Dann ist es so, dass die Unternehmen der chemischen Industrie in der Schweiz gemäss der Chemikalienkontrollverordnung verpflichtet sind, alle relevanten chemischen Verbindungen, welche sie ab einer gewissen Menge produzieren, verarbeiten oder verbrauchen, bei uns zu deklarieren. Hier ist es meine Aufgabe die Deklarationen dieser Unternehmen, sowie jene des Labor Spiez selber, gemäss den Auflagen des CWÜ zu sammeln und der OPCW (Anm. der Red.: Organisation für das Verbot chemischer Waffen in Den Haag) zu melden. Aufgrund dieser Daten entscheidet dann die OPCW, welche Firmen und Industrien in der Schweiz inspiziert werden. Bei diesen OPCW-Inspektionen, welche in der Schweiz unter der Leitung des SECO stattfinden, bin ich Teil des Begleitteams und fungiere als technischer Berater und als Bindeglied zwischen der Firma und den Inspektoren. Als technischer Berater bin ich überall dabei, sobald es um das Chemiewaffenübereinkommen geht.
Nennen Sie ein Beispiel.
Vor Kurzem war ich an der CWÜ-Staatenkonferenz in Den Haag. An dieser Konferenz treffen sich einmal pro Jahr alle 193 Vertragsstaaten, welche das CWÜ unterzeichnet und ratifiziert haben, zur Vollversammlung. Die Staaten werden von ihren jeweiligen Botschaftern und deren Delegationen vertreten. Bei uns ist es die Schweizer Botschafterin in Den Haag und nebst Vertreter vom EDA, vom SECO und vom SEPOS gehöre auch ich als technischer Berater zur Delegation.
Dann sind Sie bei Ihrer Tätigkeit immer wieder im In- und Ausland unterwegs?
Im Inland sind es vier bis fünf Reisen pro Jahr, diese im Zuge der erwähnten Industrieinspektionen. Dann kommen ungefähr fünf Auslandreisen dazu, wovon die meisten nach Den Haag, an den Hauptsitz der OPCW führen. Und da wir nicht nur für das CWÜ unterwegs sind, sondern auch die Exportkontrollregime unterstützen, begleite ich auch diesbezüglich verschiedene Konferenzen und Meetings der sogenannten Australiengruppe (Anm. d. Red.: Beschrieb siehe unter Links). Diese finden meistens in Paris statt, mit einer Ausnahme: alle zehn Jahre geht es, wie der Gruppenname besagt, nach Australien.
Wann ist es das nächste Mal soweit?
Dieses Jahr, ich habe den jetzigen Job gerade rechtzeitig übernommen (lacht).
Wie war Ihr Ausbildungsweg und was ist Ihr beruflicher Werdegang?
Mein Ausbildungsweg ist nicht klassisch und geradlinig verlaufen. Ich habe zuerst an die obligatorische Schulzeit ein zehntes Schuljahr angehängt und anschliessend eine Lehre als Chemielaborant bei der Wander AG in Bern absolviert. Nachdem ich dann zuerst noch eineinhalb Jahre als Chemielaborant gearbeitet habe, beschloss ich, die Maturitätsschule für Erwachsene zu besuchen. Nach dem Abschluss der Matura wollte ich aufs Ganze gehen und begann an der ETH Zürich Biochemie zu studieren. Nach erfolgreichem Abschluss des 1. Vordiploms entschied ich jedoch, dass mir das Studium an der ETH viel zu theoretisch war. Das damalige Technikum Burgdorf bot mir darauf an, bei ihnen einzusteigen und so wechselte ich an die Fachhochschule. Dort machte ich den Abschluss zum Chemiker FH. Im Anschluss bekam ich eine Stelle bei der Novartis AG in Basel.
Wie kam es dann zur Anstellung im VBS, genauer gesagt im Labor Spiez und in welcher Funktion?
Man hat mich im Labor Spiez vorgängig schon gekannt, weil ich aufgrund meiner Ausbildung als Chemiker einen Grossteil meiner WKs bei den ABC-Abwehrtruppen in der Gruppe Organische Chemie des Labors Spiez absolvieren durfte. Mir hatte es dort immer sehr gut gefallen und daher habe ich dem damaligen Chef signalisiert, dass er sich doch melden solle, falls eine Stelle frei werde. Als es dann soweit war und die Stelle als stellvertretender Gruppenchef der Gruppe Organische Chemie ausgeschrieben wurde, habe ich mich sofort beworben und bekam glücklicherweise die Stelle. Seit dem 1. Juli 2008 bin ich nun im Labor Spiez tätig.
Nach 16 Jahren haben Sie von der Laborarbeit zu einem «Bürojob» gewechselt. Was bedeutet Ihnen dieser Wechsel?
Nach rund 30 Jahren Laborarbeit war es für mich an der Zeit, die Laborschürze an den Nagel zu hängen und mich einer neuen Herausforderung zu stellen. Das Schöne an meinem neuen Job ist, dass ich aber weiterhin eng mit dem Fachbereich Chemie zusammenarbeiten kann.
Dass wir versuchen können, auf den Weltfrieden Einfluss zu nehmen und hier in der Schweiz zum Bevölkerungsschutz beitragen, macht für mich die Arbeit extrem wertvoll.
Was gefällt Ihnen besonders an der jetzigen Stelle und Aufgabe?
Auf der Homepage des Labor Spiez steht, dass unsere Vision eine Welt ohne Massenvernichtungswaffen ist. Wir sind uns alle bewusst, dass dies nicht nur ein schwieriges, sondern sogar ein utopisches Ziel ist. Trotzdem ist dieses Ziel für alle Mitarbeitenden des Labors Spiez ein Ansporn. Natürlich tönt dies jetzt etwas pathetisch, aber mitzuhelfen, dass die Konventionen eingehalten werden und wir somit versuchen können, auf den Weltfrieden Einfluss zu nehmen und hier in der Schweiz zum Bevölkerungsschutz beizutragen, macht für mich die Arbeit extrem wertvoll. Die Sinnhaftigkeit unserer Aufgaben gehört zu meiner Hauptmotivation.
Hat Sie auch der internationale Aspekt und der Austausch mit den verschiedensten Akteuren bei dieser Stelle gereizt?
Ja, mir gefallen die vielen internationalen Kontakte und dass ich einen sehr guten Einblick in die Welt der Politik bekomme. Für mich als Naturwissenschaftler war dies anfangs ziemlich gewöhnungsbedürftig. Bei uns gelten harte Fakten, alles ist klar und es gibt keine Zwischen- und Grautöne, bei der Politik jedoch läuft es meistens auf einen Kompromiss hinaus.
Was sind die Voraussetzungen, um Ihre Funktion ausüben zu können?
Ein abgeschlossenes Chemiestudium und technische Erfahrung im Labor oder in der chemischen Industrie sind sicherlich Grundvoraussetzungen. Ein hohes Mass an Selbständigkeit sowie die Freude am Kommunizieren, auch in Französisch und Englisch, sollten vorhanden sein. Zudem sollte man sich in Gebiete einarbeiten können, welche nicht direkt mit dem eigenen Fachgebiet zu tun haben und aus seiner Komfortzone rausgehen wollen.
Es ist schön zu wissen, dass wir im Labor Spiez vielen Menschen aus Entwicklungsländern Zugang zur Thematik geben konnten.
Gibt es ein Erlebnis, dass Ihnen bei Ihrer jetzigen oder vorgängigen Tätigkeit im Labor besonders in Erinnerung geblieben ist?
In meiner früheren Tätigkeit im Labor hatte ich über 10 Jahre lang die Möglichkeit, jedes Jahr ein dreimonatiges Praktikum für eine Chemikerin oder einen Chemiker oder eine angehende Chemikerin oder Chemiker aus einem Entwicklungsland zu organisieren und zu begleiten. Diese Begegnungen mit Menschen aus ganz anderen Kulturen werden mir immer in Erinnerung bleiben und waren sehr bereichernd. Zu vielen Praktikanten habe ich immer noch Kontakt und das Schönste ist, dass ich die einen oder anderen Absolventen nun auf meinen Reisen wieder antreffe.
Ich hatte Leute betreut, für welche es ein absolutes Wunschziel war, eines Tages OPCW-Inspektorin oder Inspektor zu werden und heute sind sie in Den Haag und weltweit in dieser Funktion tätig. Es ist schön zu wissen, dass wir im Labor Spiez bei diesen Menschen als Startpunkt gedient haben, ihnen Zugang zur Thematik geben und mithelfen konnten, ihren Traumberuf im Kampf gegen die Chemiewaffen zu erlangen.
Die Arbeit der Gruppe «Organische Chemie»
Andreas Zaugg hat vor seiner jetzigen Tätigkeit als Bereichsleiter Rüstungskontrolle Chemie in der Gruppe «Organische Chemie» gearbeitet. Die Gruppe Organische Chemie kümmert sich um die Herstellung von kleinen Mengen hochgiftiger Chemikalien, welche mit dem Chemiewaffenübereinkommen (CWÜ) in Beziehung stehen. Dazu gehören unter anderem chemische Kampfstoffe, deren Vorläufer, Abbauprodukte, Nebenprodukte und Biomarker (Verbindungen, welche beim Kontakt mit chemischen Kampfstoffen im menschlichen Körper entstehen können). Die so hergestellten Verbindungen dienen als Referenzchemikalien und können unter anderem zum Vergleich mit echten Proben aus einem Krisengebiet verwendet werden.
Weitere Anwendungen für diese Referenzchemikalien sind die Entwicklung von analytischen Methoden, Entwicklung und Erweiterung analytischer Datenbanken, Tests von Messgeräten, welche chemische Kampfstoffe aufspüren können, Tests von Schutzbekleidung und Gasmaskenfilter sowie Tests von Dekontaminationslösungen und -systemen. Auch werden neueste Technologien geprüft, welche potentiell eine Gefährdung darstellen können, also für die Herstellung von chemischen Kampfstoffen missbraucht werden könnten.




