«Zwei linke Hände helfen bei diesem Job nicht»
Marco Glanzmann arbeitet bei armasuisse in Emmen im Bereich Flugerprobung als Flugversuchsinfrastrukturspezialist. Was seine nicht alltägliche Arbeit alles beinhaltet, wieso es hilfreich sein kann, in einem Verein tätig zu sein, und warum er hin und wieder auf einem Feld im Nirgendwo ausgesetzt wird, erzählt uns der 49-jährige aus Willisau (LU) im Interview.
Kommunikation VBS, Tanja Rutti
Marco Glanzmann, Sie sind Flugversuchsinfrastrukturspezialist bei armasuisse. Für was sind sie verantwortlich?
Wie das Wort schon sagt, ist unser Team für die Infrastruktur welche bei Flugversuchen benötigt wird, verantwortlich. Diese beinhaltet ein sehr breites Spektrum an technischen Anlagen, das von einfachen Handfunkgeräten bis hin zu komplexen Radarsystemen und Funkanlagen reicht.
Was gehört zu Ihren täglichen Aufgaben?
Um ein Flugzeug oder eine sonstige fliegende Plattform testen zu können, braucht es unter anderem die erwähnten Systeme. Während den Flugversuchen betreuen wir die Systeme. Im Vorfeld und Nachgang müssen sie gewartet, unterhalten und weiterentwickelt werden. Dazu gehören Reparaturen, Wartung und Kalibration der Testsysteme, aber auch das regelmässige Prüfen der Sicherheitsstandards, das Durchführen von Software- und Hardwareupgrades sowie ein reger Austausch mit den Herstellern der Systeme. Die nach den Flugversuchen gesammelten Daten bereitet unser Team für die Flugversuchsingenieure und Piloten auf, welche dann die Weiterverarbeitung und Analyse dieser Daten durchführen. Auch nehmen wir nach einer Reparatur von Luftfahrtsystemen, zum Beispiel durch Pilatus oder der RUAG, diese fliegenden militärischen Plattformen ab und überführen sie nachher zurück an die Luftwaffe, wo sie dann wieder in den operationellen Dienst zurückgehen. Wir sind also auch Bindeglied zwischen Industrie und der Luftwaffe.
Wir sind in der Flugerprobung Bindeglied zwischen Industrie und der Luftwaffe.
Ihre Arbeit ist sehr vielseitig und benötigt ein grosses technisches Know-How. Wie ist Ihr Werdegang?
Ich habe ursprünglich eine Lehre zum Radio/TV-Elektriker gemacht. Danach war ich unter anderem viele Jahre bei einem Elektrogerätespezialisten im Service tätig und führte dort ein 10-köpfiges Team. Später hatte ich die Möglichkeit, mein Hobby – ich bin begeisterter Modellflieger – zum Beruf zu machen. Ich konnte in einem Modellbaugeschäft als technischer Berater einsteigen.
Und wie sind Sie dann zum VBS gekommen?
Da meine Leidenschaft, wie erwähnt der Modellfliegerei gilt, bin ich natürlich auch Mitglied in einem Modellfliegerverein. Über diesen Verein lernte ich Mitarbeiter der armasuisse Flugerprobung kennen, welche mir erzählten, dass bei ihnen eine Stelle als Flugversuchsinfrastrukturspezialist frei werde. Ich habe darauf die Chance gepackt und mich auf die Stelle beworben. Die Bewerbung war dann zum Glück erfolgreich und nun arbeite ich bereits seit 13 Jahren bei armasuisse und somit mit richtigen Fliegern (lacht).
Wie war der Einstieg bei armasuisse?
Am Anfang war es sicher nicht einfach. Wir müssen uns hier mit diversen komplexen Systemen und immer wieder mit neuen Techniken auseinandersetzen und zusätzlich musste ich sehr viel über die Aviatik mit all ihren Regeln, Abkürzungen und Eigenheiten lernen. Ich durfte aber verschiedene interne und auch externe Weiterbildungen absolvieren, welche hier sehr gefördert werden. Der Lernprozess ist sehr intensiv und bis man wirklich sattelfest in allen Bereichen ist, dauert es drei bis vier Jahre.
Wenn man stur ist, wird man hier nicht glücklich.
Was sind die Voraussetzungen, um Ihren Beruf ausüben zu können?
Man sollte unbedingt ein technischer Allrounder und IT-affin sein. Man arbeitet mit den unterschiedlichsten Systemen und muss sich unter anderem mit Radartechnik und Signaltechnik auseinandersetzen. Ein breites technisches Wissen und Verständnis sind also unabdingbar und zwei Linke Hände helfen bei diesem Job nicht (lacht). Auch braucht es eine grosse Portion Flexibilität und Spontanität. Die Flugversuche haben immer Vorrang und die Zeitfenster dafür ergeben sich häufig kurzfristig. Wenn man sich also stur an die im Voraus durchgeplante Agenda halten möchte, wird man hier nicht glücklich.
Sollte man mechanische Vorkenntnisse haben, zum Beispiel als Luftfahrzeugmechaniker?
Das hilft natürlich. Wir haben in unserem Team Leute, welche von der Luftfahrzeugmechanik kommen. Aber auch Elektrotechnikingenieure und Leute mit anderen technischen Ausbildungen. Insgesamt sind wir bei armasuisse sieben Flugversuchsinfrastrukturspezialisten.
Wo sind Sie im Einsatz, wo ist Ihr Arbeitsplatz?
Dies ist sehr unterschiedlich und kann sich jeden Tag ändern. Je nach Arbeit, bin ich vor allem im Büro, auf dem Flugfeld oder im Radarraum tätig. Wir müssen uns nach dem Wetter richten und natürlich, wann, wo, welcher Flieger zum Testen bereitsteht. Auch findet man uns hin und wieder irgendwo draussen auf einem Feld.
Es braucht eine grosse Portion Flexibilität und Spontanität.
Und was machen Sie dort?
Das sind sogenannte Feldeinsätze, also Flugversuche für Projekte wie zum Beispiel die Handyortung mit einem Helikopter. Dazu werden wir im Nirgendwo ausgeladen und ein Superpuma überfliegt uns ca. 10-mal. So testen wir die Leistungsfähigkeit eines Handyortungssystems im Helikopter.
Können Sie hin und wieder auch bei Testflügen mitfliegen?
Ja, obwohl wir das Team im Testflugzeug hauptsächlich vom Boden aus unterstützen, sind wir bei gewissen Testflügen auch mit an Bord, dies ist jeweils projektabhängig. Bei einem solchen Testflug besteht das Team an Bord dann aus dem Flugversuchsingenieur, dem Piloten und dem Flugversuchsinfrastrukturspezialisten. Der Ingenieur ist mehrheitlich der Versuchsleiter und gibt die Anweisungen an die restliche Crew.
Gibt es ein Erlebnis, dass Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt immer wieder aufs Neue eindrückliche Erlebnisse. Dazu gehören sicherlich die Reisen in verschiedene Länder für Evaluationskampagnen neuer Systeme. Man besucht den Hersteller, lässt sich die Produkte vor Ort zeigen und baut in der Schweiz danach entsprechende Testszenarien auf. Oder dann die erwähnten Testflüge über die Alpen und die Landungen und Starts im Schnee an Orten, wo man normalerweise nie hingelangen würde. Dort durfte ich schon Adler und Gemsböcke beobachten, einfach unvergesslich!






